Die Leute von Danubius oder: Eine kleine Geschichte über Pressefreiheit

 

In Danubius hat Punkt 16 Uhr jeder Feierabend. Die Bäckerei, das Gericht, die Polizeistation und die Gärtnerei schließen, das Radio hört auf zu senden, das Rathaus wird zugeschlossen. Deshalb gehen wir als Zeitung rechtzeitig in Druck, um 16 Uhr mit einer neuen Ausgabe auf den Straßen stehen zu können. Wir sind insgesamt sieben Mitarbeiter und so viele wie möglich schwärmen dann aus, die Bildschirme der Computer flackernd und die Notizbücher aufgeschlagen auf den Schreibtischen zurücklassend.

„Zeitung! Kauft die neue Zeitung!“, rufen sie, während sie die wenigen Straßen der Stadt durchkämmen, die sich um eine mittelalterliche Kirchenburg schlängeln. Kleine Trauben von kleinen Menschen sammeln sich um die Reporter und kramen in ihren Taschen nach Geld und lesen die Zeitung meist noch an Ort und Stelle, die Köpfe geneigt, die Augen auf dem Blatt von links nach rechts wandernd. Das Papier ist dann oft noch warm vom Drucken und die Finger der Redakteure werden mit jeder verkauften Zeitung schwärzer.

Etwa jede vierte Person in Danubius kauft unsere Zeitung, die DanubiNews, jeden Tag. Man geht davon aus, dass eine Zeitung im Durchschnitt von drei Personen gelesen wird. Wenn das stimmt, haben wir eine höhere Einschaltquote als jedes WM-Finale, denn in Danubius leben nur etwa 200 Menschen.

Unsere Zeitung hat zwei Seiten: vorn Politik, hinten Klatsch und der Witz des Tages. Die Menschen hier lesen die Zeitung nicht kopfschüttelnd oder Augenbrauen runzelnd – sie schütten sich aus vor lachen oder stampfen mit dem Fuß auf oder kratzen sich mit dem Finger an der Stirn, wenn sie etwas nicht verstehen – aber wie überall anders auch, ist die Zeitung bereits nach dem Abendessen wieder vergessen.

Doch heute ist das anders. Heute hat unsere Berichterstattung die Bevölkerung in zwei Lager gespalten, die sich schreiend und weinend und Fäuste in der schwülen Luft schwingend gegenüber stehen und ihr Abendessen ganz vergessen.

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