Der Streik

Manche warten auf eine Perspektive. Andere auf den Tod. Einige warten auf Liebe, andere auf ihren Nachschub C – und alle gemeinsam auf den Zug.

Die Zugführer der Deutschen Bahn streiken zum wiederholten Mal in diesem Jahr. Ich weiß nicht, ob es das dritte oder vierte Mal ist, denn ich habe aufgehört, Nachrichten zu lesen. Vielleicht herrscht in den Bahnhöfen größerer Städte Chaos, weil nur noch 20 Prozent aller Züge fahren. In Chemnitz und Zwickau scheinen sich alle damit arrangiert zu haben. Die überdimensionierten, unfreundlichen und zugigen Hallen der alten Bahnhöfe sind so gut wie leer. Nur einige Asylbewerber und verwirrte Rentner sind von dem Streik überrascht, was bei beiden Gruppen kaum auffällt, denn sie sind es gewöhnt, Zeit tot schlagen zu müssen und so unterscheidet sich ihr Verhalten kaum von dem, das sie an den übrigen Tagen des Jahres zeigen. Sie starren mit leerem Blick auf ihr Handy oder verschränken kopfschüttelnd die Arme. Vereinzelt sieht man noch einen Crystalabhängigen, der empört vor der Anzeigetafel die lakonische Laufschrift „Zug fällt aus“ hinter seiner Verbindung liest, mit dem Fuß aufstampft und im Stechschritt zum Fahrkartenautomaten, zurück zur Anzeigetafel und schließlich nach draußen läuft, während er mit nasaler Stimme in sein Handy ruft: „Was soll ich’n jetzt machen? Jetzt bin ich im Arsch, solche Wichser!“ Read More

Advertisements