Nur ein Lufthauch

Ich bekam gerade meinen Kaffee, hatte schon das Zuckertütchen aufgerissen und freute mich auf die zwei kleinen Zimtplätzchen, die immer am Rand der Untertasse liegen, als ich erfuhr, dass er gestorben war. Aus den Lautsprechern im Café drang „Back to Black“ und es kam mir vor, als nähme dieses Lied niemals ein Ende. Ich blieb noch etwa eine halbe Stunde sitzen, aber ich kann mich nur an dieses eine Lied erinnern. Sobald ich es irgendwo höre, erscheint Alles erneut vor meinem geistigen Auge:
Es ist ein sonniger Freitagnachmittag Anfang Februar. Ich komme aus der Bibliothek und ein merkwürdiges Gefühl völliger Losgelöstheit und Freiheit, das mich seltsam benommen und gleichsam lustvoll ratlos macht, ergreift und lenkt mich. Es ist mehr als das Wochenendgefühl, das ich sowieso schon lang nicht mehr kenne, ich bin wie stoned und will den Moment auskosten…irgendwo draußen sitzen in der Sonne…Kaffee trinken…lesen.
Ich schlendere die Johannisstraße Richtung Wagnergasse entlang, setze mich auf die Treppe am Eichplatz, die in spitzem Winkel von einem Sonnenlicht getroffen wird, welches nur widerwillig vom eisklaren Winterhimmel freigegeben zu werden scheint. Ich öffne den Mantel, lege den Schal ab, rauche eine Zigarette und beobachte wie der schneidend blaue Rauchfaden zunächst kerzengrade nach oben schwebt, um sich dann in zwei grazile Säulen aufzufächern, in deren Mitte eine dünne Membran aus Rauch und fragilster Eleganz flackert, bis sie schließlich von einem nicht spürbaren Lufthauch verweht wird.
Ein kleiner Wohnwagenanhänger verströmt den Geruch von Frittiertem. Leute stehen an, um sich deutsche chinesische Nudeln für ihre Mittagspause zu kaufen. Alles scheint automatisch zu laufen, ich wundere mich über die Selbstverständlichkeit dieses Lebens, als wäre ich gerade erst angekommen und müsste mich noch an die unsichtbaren Schnüre gewöhnen, die unsere Wege lenken, die mich auf diese Treppe gesetzt haben. Ich schwimme nicht gegen den Strom und nicht mit ihm. Ich sitze daneben und staune über den nie versiegenden Fluss der Dinge. Die Gesten, die das Dasein verlangt, die Lächerlichkeit der Gewohnheit, die Sinnlosigkeit der täglichen Betriebsamkeit. Eine schmerzhaft schöne Zeitlupe.
Dennoch passte all das gar nicht zu meiner eigenen Situation und Stimmung, erschien mir so aufgesetzt, fremdbestimmt. „Das Gefühl der Absurdität kann an jeder beliebigen Straßenecke jeden beliebigen Menschen anspringen. Es ist in seiner trostlosen Nacktheit, in seinem glanzlosen Licht nicht zu fassen.“ (Camus)
Als ich dann schließlich in dem Café saß und die Nachricht seines Todes vernahm, war ich nicht geschockt, nicht mal den Tränen nahe. Stoisch, benommen verharrte ich wie eingefroren. Ich stand außerhalb des Bildes und fühlte die Welt rasen, fühlte die Zeitströme um mich herum rauschen, fühlte Willkür und Ohnmacht und Größe; wie ein Sandkorn, das sich daran erinnert, einmal ein Fels gewesen zu sein.
Ich ließ den Zucker in die Mitte der Tasse rieseln und sah zu, wie er langsam durch die dünne Decke aus Milchschaum schlüpft, sich am Boden sammelt und auflöst. Am Rand des kleinen Durchbruchs, den das Gewicht der sich sammelnden braunen Zuckerkristalle hinterlassen hat, waren Zucker und Milch verschmolzen und bildeten eine zerbrechliche Kruste.
Erst im Nachhinein wird der Moment für mich fassbar. Es war nicht die Absurdität meines eigenen Lebens, die mich packte.

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