Warum ich aus Sachsen weggezogen bin

Der Text ist erstmalig im März bei Krautreporter erschienen. Für Das Magazin aus der Schweiz habe ich noch ein paar Absätze zur AfD ergänzt. Für diesen Blog habe ich nun beide Versionen zusammengeführt und aktualisiert sowie um einige Reaktionen ergänzt. Alles was neu ist, ist kursiv gesetzt.

Zwickau, Mitte der Neunzigerjahre: Ich war gerade aufs Gymnasium gekommen, Deutschland gewann die Fußballeuropameisterschaft und meine Nachbarn feierten Adolf Hitler. Meine Nachbarn, das waren die „HooNaRa“ – Hooligans, Nazis und Rassisten. Die hießen wirklich so. Es stand auf ihren T-Shirts und auf ihren Bannern. Weiß auf Schwarz.

Sie standen im Fan-Block des FSV Zwickau, sie besetzten die Terrasse des Eiscafés im Freibad, sie veranstalteten Konzerte und hatten einen Klamottenladen in der Innenstadt. Und ab und zu feierten sie auf dem Fahrübungsplatz hinter dem Haus meiner Eltern. Dort hatten sie eine kleine Baracke.

Weil Nazis gern um Feuer herumstehen, wenn sie Nazifeiern machen, und auf Fahrübungsplätzen nicht viel Brennbares zu finden ist, suchten sie nach Holz in der Nähe und fanden unseren Zaun. Er brannte gut und knackte wie ein altes Grammophon, während die HooNaRa drumherumstanden, unfassbare Mengen Bier tranken und Sieg Heil riefen. Wenn 50 Männer gemeinsam singen, kann man das sehr weit hören. Manchmal kletterten mein Bruder und ich auf das Vordach unseres Hauses, drückten uns an die Hauswand und beobachteten sie.

Meine Eltern riefen die Polizei. Die Polizei sagte, man wisse schon Bescheid. Man könne aber nichts machen – man habe nicht genug Leute. Meine Eltern schrieben dem Ordnungsamt – der Ordnungsamtsleiter rief zurück und sagte: Das sind nur Dumme-Jungs-Streiche und er habe Wichtigeres zu tun. Bald hatten wir keinen Zaun mehr.

Einmal stand ein Polizeiwagen in der Einfahrt zu unserem Haus, während die Nazis wieder mal feierten. Zwei Polizisten blitzten Raser. Wir gingen hin zu ihnen. „Hören Sie das nicht?“, fragten wir.

„Was denn?“

„Die Sieg Heil-Rufe?“

„Und? Was soll’mern da jetzt machen?“

Es waren nicht nur Dumme-Jungs-Streiche, die die HooNaRa ausheckten. Das hätte man damals schon wissen können. Heute muss man es wissen – einige von ihnen gehörten zum Netzwerk des späteren Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU). Sie halfen beim Töten. HooNaRa-Anführer Ralf „Manole“ Marschner arbeitete zehn Jahre lang für den Bundesverfassungsschutz, wie 2013 bekannt wurde.

Nach eigener Aussage ist er dem Trio in Zwickau nie begegnet. Nach Aussagen ehemaliger Mitarbeiter beziehungsweise Geschäftspartner hat er die Neonazis hingegen sogar in seiner Baufirma und seinem Klamottenladen beschäftigt. Zudem hat er gemeinsam mit Beate Zschäpes wohl bester Freundin, Susann Eminger, deren Ehemann als Helfer des Trios in München angeklagt ist, in Zwickau 2001 eine Kneipe überfallen. Mit anderen Nazis an Hitlers Geburtstag. Politische Motive sah die Staatsanwaltschaft nicht. Marschner, in Zwickau oft nur „Moh“ (für Mann ohne Hals) gerufen, lebt heute in der Nähe von Chur und hat ein Antiquitätengeschäft in Liechtenstein. 

Der Ordnungsamtsleiter von damals ist heute Stadtrat in Zwickau. Er ist CDU-Mitglied und Träger des Bundesverdienstkreuzes. Heute sagt er, er kann sich an solche Vorfälle nicht erinnern – ergo: „Da musst du was verwechselt haben“, schrieb er mir (und an die Redaktionen von Krautreporter und Freie Presse) nach Erstveröffentlichung dieses Artikels und schiebt noch hinterher: „Freunde machst du dir damit nicht.“

Bei der Polizei hat sich nicht viel geändert seitdem, darauf komme ich gleich nochmal zurück. Mein Bruder und ich sind aus Zwickau weggezogen, wie die meisten unserer Freunde, bald nach dem Abitur.

Ein Kommissar auf eigener Mission

Vor fünf Jahren bin ich zurück gekommen, um erst in Chemnitz, dann in Zwickau für die Tageszeitung Freie Presse zu arbeiten. Vielleicht auch, um meine Heimat wiederzufinden. Nazis – nennt sie von mir aus wie ihr wollt – gab es hier schon immer. Das wussten alle außer der CDU. Aber was musste geschehen, dass sie die Überhand gewinnen? Was haben wir – ich und die anderen, die sich für die Guten hielten – falsch gemacht?

Ein Beispiel: Vergangenen Sommer sehe ich, wie in der Fußgängerzone ein Mann eine Roma anschreit. Die Frau saß dort, direkt vor dem Eingang der Redaktion, seit einigen Tagen mit ihrem Pappbecher auf dem Kopfsteinpflaster und sagte: Gutetag.

Der Mann war ein sehr wütender und auch ein sehr muskulöser. Er forderte die Frau auf, aufzustehen und abzuhauen. Und er hatte offensichtlich vor, so lange zu brüllen, bis sie geht. Ich habe den Mann gefragt, was genau er denn da macht. Da wendete er sich sofort von der Frau ab, trat bis auf Bockwurstlänge an mich heran und durch seinen voluminösen Brustkorb pumpte Wutblut. Ich hätte mich hier nicht einzumischen und solle gehen. Da habe ich ihm gesagt, dass er kein Recht hat, irgendjemanden herumzukommandieren. Darauf sagt er: Doch!

„Dann sind Sie also gerade in dienstlichem Auftrag?“, frage ich ihn.

„Sie behindern hier eine Polizeiaktion. Ich verweise Sie vom Platz!“

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