Fortsetzung: Das Durchfallschneewittchen (2.Akt)

2.Akt

Lou hatte damals einen riesengroßen, 15 Jahre alten Opel Omega Kombi, den er sich eigentlich gar nicht leisten konnte und der dauernd kaputt war (Fußnote: hässlich auch noch). Deshalb suchte er oft über mitfahrgelegenheit.de zahlende Reisebegleiter und einmal rief eben zufällig ich bei ihm an. Zufällig, weil ich weder wusste, dass er in meiner Stadt war, noch dass er ein Auto hatte. Für die Strecke Jena – Berlin verbrauchte er sagenhafte 30 Liter Benzin -, aber es machte ihm scheinbar Spaß, mit Susi ein bisschen Familie zu spielen: ein Wochenendausflug im Familienauto. Na ja, was soll ich sagen: ich kannte ihn nur flüchtig – er war ein Freund meines Bruders Pit – aber ich hielt ihn immer für ganz lässig und seine Freundin kannte ich noch gar nicht. Es gab also keinen Grund, sich nicht auf eine entspannte Fahrt zu freuen.
Lou hatte Vorbereitungen getroffen, als würden sie 3 Wochen durch die Arktis tuckeln. Als ich zum Parkplatz kam, war er gerade dabei, Scheiben und Scheinwerfer noch mal sauber zu machen, dabei ließ er den Motor laufen, damit es schön warm ist drinnen. Dann füllte er den CD-Wechsler im Kofferraum mit „Reisemusik“, wie er das nannte. Dazu muss gesagt werden, dass er tendenziell keinen schlechten Musikgeschmack hatte – weshalb ich ihm für die folgenden drei Stunden Folterpop vorsätzliches, wenn nicht gar böswilliges Handeln unterstellen muss! Das Navigationssystem war programmiert, die Staumeldungen im Radio abgehört, er steckte zwei Thermobecher mit Kaffee in die Getränkehalterungen der Mittelkonsole und zwei Tupper-Dosen in das Handschuhfach. Anschließend schloss er die Freisprecheinrichtung für sein Telefon an das Radio an und setzte sich ans Steuer, um die Rück- und Seitenspiegel zu überprüfen.
„Hast du auch getankt?“, fragte ich ihn; er antwortete: „Susi kommt gleich! Sie ist nur noch schnell was einkaufen.“ Die vierte Mitfahrerin war noch nicht da und ihr Handy ausgeschaltet, das machte ihn sichtlich nervös. Ich wies ihn darauf hin, dass das extensive Abhören ihrer Mailbox die Wahrscheinlichkeit ihres Erscheinens scheinbar nicht erhöht, aber auch für Wortspiele hatte er kein Ohr. Also schnappte ich mir die Zeitung, setzte mich ins Auto und harrte der Dinge.
Irgendwann waren wir – zu dritt – „zum Glück“ unterwegs. Lou und Susi waren bestens gelaunt und schienen sich wirklich auf das Wochenende in Berlin zu freuen. Sie benahmen sich wie ein (glückliches) altes Ehepaar:
was hast du denn leckeres für heut abend eingekauft schatz geht’s dir schon wieder besser willst du ein stück ananas mein hase ich hab den rest von gestern mitgenommen ist im handschuhfach oder wenn du das noch nicht so verträgst ich hab auch noch ein weißbrot gekauft ich hab deinen laptop auf die rückbank getan falls du auf der fahrt einen film schauen willst hab extra den akku noch mal voll geladen hab dir der teufel trägt prada gezogen lieben gruß von meiner mutter soll ich dir ausrichten hab vorhin mit ihr telefoniert und sie meint du sollst mal immodium akut probieren das würde ihr auch immer helfen jedenfalls wenn was ist ich hab für alle fälle ne rolle klopapier mit dein handy hab ich dir in die handtasche getan du hast es bei thorsten auf dem küchentisch liegen gelassen robert gib doch mal bitte die decke nach vorn (!)
„WAS?“ Durch eine zentimeterdicke Schicht Schmalz durchdrang mein Vorname wunde Gehörgänge.
„Robert, gib Susi doch bitte mal die grüne Decke da neben dir!“
„Da ist keine grüne Decke.“
„Klar, da muss eine sein, ich hab sie extra nach vorn gelegt, damit Susi noch ein bisschen pennen kann während der Fahrt. Sie kränkelt nämlich noch etwas. Magen-Darm-Infektion.“
„Schön (wirklich schön!), aber hier ist KEINE Decke!“
„Ach, scheiße!“
Dann meldete sich Susi, deren Beiträge sich bis dahin auf ein mementomorimäßiges Schnurren und so eine Art nasales Stöhnen beschränkten. Pathetischer als Highlander sagte sie:
„Ist doch nicht so schlimm! Die zwei Stunden wird’s schon noch gehen.“
Am nächsten Rastplatz hatte ich dann Gelegenheit mein Frühstück nachzuholen, während Lou Susi in die grüne Decke einwickelte, ihr die Schuhe auszog, ihre Füßchen in Wollsocken steckte und ihr den Laptop auf den Schoß legte. Bei all dem achtete er penibel darauf, dass auf keinen Fall die bösekalte Oktoberluft ins Wageninnere gelingen konnte. Er schlüpfte wie ein Aal aus seiner Tür und klemmte sich fast die Finger bei dem Versuch ein, aus dem halbgeöffneten Kofferraum die Decke zu ziehen.
Susis Zustand schien dann auch tatsächlich stabiler zu werden. Jedenfalls begann sie irgendwann ganz massiv an Lous rechtem Oberschenkel rumzureiben. Der reagierte mit Tunnelblick und einem leichten Schwitzen, das stärker wurde, als sie begann mit Zeigefinger und Daumen den Kord um seine Eier wie Gitarrensaiten zu behandeln. Nicht, dass ich dem besonders viel Aufmerksamkeit hätte schenken wollen, aber Lous Fahrtüchtigkeit schien marginal darunter zu leiden. Und – ich geb zu es ist meine weiche Seite –, aber ungeplante Spurwechsel bei 170 machen mich nervös. Scheinbar wollte sie ihn aber nur etwas „necken“, jedenfalls legte sie die Füße wieder auf’s Armaturenbrett und schaute den Film weiter.
Genauer gesagt schaute sie abwechselnd mich (durch den Seitenspiegel, in dessen Winkel ich nun genau saß) und den Film an. Noch genauer gesagt lief auch nicht mehr „Der Teufel trägt Prada“ auf ihrem Laptop, sondern eher so was wie „Das Biest trägt nada.“ Mir lief es kalt den Rücken runter. Sie wickelte eine Strähne ihrer Locken immer und immer wieder um den Zeigefinger. Lou schwitzte weiter. Sie zog den Stecker der Kopfhörer ab, wodurch das Gestöhne eine unangenehme Lautstärke (hörbar) erreichte. Lou drehte die Musik lauter. Ich baute aus meiner Zeitung demonstrativ eine Wand und raschelte dabei so lang, bis sie endlich beleidigt aufgab und sich wieder auf ihren Darm konzentrierte.
Relativ ereignislos erreichten wir dann Berlin und Lou fragte:
„Wo sollen wir dich denn absetzen?“
„Keine Ahnung. Wo wollt ihr denn hin?“
„Na nach Schöneberg, zu deinem Brud!“
(##F**SHIT+!!) „Is ja lustig, hat er mir gar nicht erzählt, hähä, dass er Besuch bekommt!“
„Überraschungsbesuch! Hab ihn heut morgen angerufen!“
„Na, da wird er sich freuen.“
„Also, wo willst du raus?“
„Och, am Alex is OK!“

Fortsetzung folgt…

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Das Durchfallschneewittchen (1.Akt)

1.Akt

Es war einmal in Berlin. Im schönen Stadtteil Schöneberg lebten vier junge Menschen in einer WG. Sie lebten friedlich zusammen, jeder beschäftigt mit den Notwendigkeiten täglichen Überlebens, mit bilden und Geld verdienen, in den üblichen Drehtüren von Beziehungen, Jobs und Krisen zirkulierend. Bis sie eines Tages unerwarteten Besuch bekamen.

Pit, Lehrling in einer Sterneküche am Potsdamer Platz, 23 Jahre, Abitur, erwartete Besuch seines alten Schulfreundes Lou, den er seit dem gemeinsamen Kroatien-Trip, der damals schon drei Jahre zurück lag, nicht mehr gesehen hatte und der sich inzwischen zu einem ernsthaften Biertrinker entwickelt hatte, nicht minder organisiert als in der Burschenschaft Corps Saxonia in Dresden.
Als dieser Lou an jenem oktobrigen Morgen an der Tür des alten Mietshauses klingelte, erreichte Pit gerade eine SMS seines Bruders: WOLLTE EIGENTLICH BEI DIR VORBEIKOMMEN HEUT, ABER ERST WENN DIE BEIDE BEKLOPPTEN WEG SIND! UND KEIN WORT VON MIR!!
Macht nix, dachte er. Aber was sollte das heißen, die „beiden Bekloppten“? Na ja, es ging ihm auf jeden Fall nicht gut. Er hatte die letzten neun Tage am Stück 15 Stunden gearbeitet, nicht ungewöhnlich für einen Lehrling des Pure. Neben dem Hungerlohn von 475 Euro, den er regelmäßig durch das Klauen von Lebensmittel aus der Hotelküche aufzustocken gezwungen war, und der chronischen Übermüdung, musste er sich auch noch in der Mittagspause vor zwei Tagen einen Weisheitszahn ziehen lassen, was in einer beträchtlichen offenen Wunde resultierte, die flimmernd in seinem Kiefer pulsierte als er Lou an der Tür begrüßte. Er hatte seine neue Freundin mitgebracht. (Also deshalb Plural! Woher wusste…?) Susi aus Dresden. Sie begrüßte ihn nur leicht und erfragte sich gekrümmt den Weg zur Toilette, den sie als laufender rechter Winkel auch sogleich antrat. Erklärungsversuche des freudig seinen alten Freund umarmenden Lou erübrigten sich mit einem leicht durch Stöhnen übertönten flüssigen Knattern
„Susi, meine Freundin seit 2 Monaten. Sie wollte eigentlich nicht mitkommen, weil sie irgendwie Magenprobleme hat, sonst hätt’ ich dir vorher bescheid gesagt…“
„Aber ich wollte nicht ohne meinen Schatz sein!“, ruft es aus der Toilette.
„Naja, ist es OK wenn sie mit hier bleibt für ein paar Tage?“
Natürlich war Pit einverstanden. Schließlich war Susi die Freundin seines Freundes. So bestimmte auch eher ein seichtes Mitgefühl seinen ersten Eindruck von ihr. Doch seine Neugierde auf ihre Bekanntschaft machte schnell einem genervten Stirnrunzeln Platz, als sie nach einer gefühlten halben Stunde das Bad verließ und, eine ausführlichere Begrüßung schuldig bleibend, mit einer Flasche Desinfektionsmittel in der Hand auf den Aschenbecher zeigte und erklärte, dass „ihr Lou“ jetzt Nichtraucher sei, was sie energisch erwirkt habe, und dass er jetzt doch bitte nicht wieder in Versuchung gebracht werden solle. Daraufhin tapselte Susi Richtung Tisch und setzte sich mit einer rapiden Drehung auf Lous Schoß, mit einer Hand in der Tüte selbstgemachter Brownies wühlend, die Pit eben auf den Tisch gestellt hatte. Pits Gedanken sammelten sich in einem skeptischen Blick und besagtem Stirnrunzeln, während er erneut an seiner Zigarette zog, die er dann mit einem Schulterzucken Richtung Lou ausdrückte. Dieser drückte seinen Mund schmatzhaft säuselnd auf Susis Stirn, die sich gerade mit der ausladenden Geste des Siegers ein weiteres Stück geklautes selbstgemachtes Gebäck in den Mund fliegen ließ und mit dem Zeigefinger die schokoladigen Reste hinterher schob, die bei der Ladung wegen Kapazitätsauslastung auf der Unterlippe zwischengeparkt werden mussten.
„Was ist denn mit deiner Backe passiert“, fragte sie Pit mit vollem Mund, und wäre er nicht wie ein Boxer zurückgeschnellt, hätte er ihren Dessert-Zeigefinger wohl im Schmerzzentrum angetroffen.
„Weisheitszahn.“
„Och, du Armer! Na zum Glück sind gerade Ferien, ne?!“
„Was denn für Ferien, ich muss nachher noch auf Arbeit, von Zwölf bis Zwölf. Eigentlich kann ich echt keinen Krankenschein nehmen, ich bin erst seit dieser Woche in der großen Küche des Hotels, die die den Stern hat und wo ich die ganze Zeit schon arbeiten will.“
„Pit ist Koch, Schatzi, hab ich dir doch erzählt“, klärte Lou Susi mit seinem Schmusiblick auf, für den er auch prompt ein „Knuddeli“ erntete.
„Och, du Armer!“, wiederholte sie. „Was machst du denn, wenn du nicht in der großen Küche bist?“
„Alles Mögliche: Zimmerservice, Frühstücksbüffet, Bedienung,…“
„Aber ich denke, du bist Koch?“
„Ja, ich wusste auch nicht, dass das alles mit zur Lehre als Koch gehört. Als ich…“
„Na schön blöd! Da muss man sich doch vorher informieren. Also ich würde mich nicht so ausbeuten lassen! Ich hab doch nicht umsonst Abitur gemacht. Warum studierst du denn nicht? Ist doch easy going!“
„Doch, will ich ja, aber für Eventmanagement muss ich erstmal noch 5 Wartesemester überbrücken, also dachte ich, ich mach vorher noch ne Lehre…“
„5 Wartesemester? Da musst du ja einen extrem schlechten Durchschnitt gehabt haben!“
„Das hat doch damit gar nichts zu tun! Eh, was reg ich mich eigentlich auf…“ Doch bevor Pit seinem Ärger Luft machen konnte, sank Susi mit einem schmerzverzerrten Piepsen zu Boden und schleppte sich im Vierfüßlergang aus der Küche. Konsterniert blickten die Freunde der Entschwundenen hinterher. „Hast du schon mal ‚Die Verwandlung’ von Kafka gelesen?“, fragte Pit und drehte sich eine neue Kippe.
„Mach dich nicht lustig. Sie ist eigentlich ein echter Schatz, diese Magen-Darm-Infektion macht ihr halt zu schaffen“, sagte Lou und ein flüssiges Knattern aus dem winzigen (einzigem) WC der WG karikierte seine trotzige Miene.
„Mag schon sein. Ich kann ja dann auch auf Arbeit kacken gehen.“
„Jetzt mach mal halblang! Sie desinfiziert ja schließlich auch alles wieder.“
„Desinfiziert? Wieso, ist das auch noch ansteckend?!“

Marcel, 23 Jahre, Filmstudent, machte mit Susi auf dieselbe Art Bekanntschaft wie zuvor Pit. Er traf sie auf dem Weg zum Klo. Allerdings bewegte sie sich in seinem Fall auf allen vier Gliedmaßen. Von den Schwindelanfällen der letzten Tage noch zu sehr gebeutelt, fiel ihm statt eines spitzfindigen Kommentars leider nur ein dösiges Schluchzen ein, von dem nicht ganz klar war, ob es ihr oder sein Unbehagen beschreiben sollte.
Er war fertig mit der Welt. Der Rohschnitt seines Kurzfilmes, an dem er ein ganzes Semester lang oft zwölf Stunden und länger gearbeitet hatte, ist von den Dozenten der Filmhochschule äußerst kritisch aufgenommen worden. Das Drehbuch, der Arbeitsprozess, die Auswahl des Drehteams, die Vorbereitungen und die Proben mit den Schauspielern, in allem war er ein halbes Jahr lang unterstützt und bekräftigt worden, und nun saß er seit einer Woche im Kino der Uni und sah immer neue Einwände sich aus den Mündern der Kritiker winden. Auf einmal forderten sie eine Erzähldistanz, der Film wirke zu fahrig, wolle zu viel, es fehle eine Kernaussage! Und sobald sich ein Lichtstreif am Horizont zeigen wollte, sobald sich ein Dozent der Aussage des Filmes, nämlicher seiner Aussagelosigkeit, zu nähern schien, den Mut seines Konzeptes lobte, die bestehende Kritik vor dem Bilde der Unfertigkeit des Rohmaterials und der Unkonventionalität neu bewerten zu wollen schien, wurde alles wieder auf „Normalnull runtergequatscht“, wie er fand. „Betriebsblind!“ oder „Klar, die wollen nur testen, wie sehr ich mein Konzept verteidige!“, dachte er zu Beginn, doch langsam fraßen ihn selbst Zweifel an dem Film an. Noch stand sein Team hinter ihm, aber werden sie das nächste Mal nicht doch lieber mit jemandem arbeiten, dessen Projekt vorbehaltlos gut ankommt? Der Stress zwang ihn jetzt jedenfalls, zum allerunpassendsten Zeitpunkt, zu einer Zwangspause, da sich seine unerklärlichen Schwindelanfälle wieder heftiger äußerten.
Er setzte sich zu den beiden Jungs in die Küche und musterte die leere Tüte Brownies. „Schon alle?“ Nachdem längere Zeit keine Antwort zu verzeichnen war, musterte Marcel die beiden Freunde, die sich mit verschränkten Armen und zu Boden gewandtem Blick gegenübersaßen. „Schlechte Laune?“
„Scheiße, eh, das sah ja schon fast rot aus, was da grad aus mir raus geplatzt ist!“ Fast aufrecht gehend hatte Susi wieder die Küche betreten und stellte sich hinter Marcels Stuhl. Als dieser sich umdrehte, quiekte sie: „Hilfe, ein Geist!“ Er konnte lediglich mit einem irritiertem, lang gezogenem „Eeeeh“ antworten, woraufhin Susi wieder das Wort ergriff: „Was ist denn mit dir passiert? Sag bloß du hast auch einen beschissenen Job, wo du schlecht bezahlt wirst für ätzend viel Arbeit und Krankenscheine Tabus sind?“
Marcel schluckte. „Naja…eigentlich trifft das schon alles zu…“
Susi äffte ein Schnarchen nach. „Aber?“
„Aber…beschissen würd’ ich nicht sagen. Eigentlich. Hätte schlimmer kommen können, echt!“
„Hätte, hätte Fahrradkette! Was machst du denn?“
„Ich studiere Regie in Babelsberg.“
„Cool! Dann kannst du ja mal nen Film machen über die beiden Trauerweiden hier drüben!“
Abgesehen davon, dass ihm Sätze wie „darüber müsste man mal einen Film machen“, „das müsstest du mal drehen“ oder „das wär ne coole Story, mach doch da mal was drüber“ inzwischen einen kalten Schauer über den Rücken jagten, zuckte der höhnische Unterton, den er in Susis Exklamation wahrzunehmen glaubte, wie ein Unheil verkündender Blitz in der dunklen Wolkendecke seiner Gemütslage. Er war sich noch gar nicht schlüssig, ob er eine weitere Kommunikation anstrengen oder doch lieber zurück ins Bett gehen wollte, als Susi nach dem Desinfizierungsspray schnappte und erneut zum Klo kreuchte.

Als Elias, 24 Jahre, Schauspielstudent, ebenfalls in Babelsberg, die Wohnung betrat, sah er gerade noch einen brünetten Haarschweif hinter der Toilettentür verschwinden, fast gleichzeitig mit dem Einsetzen eines lauten, irgendwie flüssig klingendem Knattern. Er kam gerade von der Probe zu einem Theaterstück, das die Abschlussprüfung seines Studiums werden sollte. Und es war richtig schlecht gelaufen an jenem verhängnisvollen Morgen. Natürlich konnte er sich das Stück nicht selbst aussuchen, aber musste es ausgerechnet Othello sein, dachte er.
„Hätte den Dozenten nichts Originelleres einfallen können, als für den einzigen Schwarzen an der Uni Othello, den Mohr von Venedig, als Prüfungsstück auszuwählen?“, fragte er, betrat die Küche und lehnte sich an die Spüle. Den Blick auf das Gewürzregal gegenüber geheftet und halb zu sich selbst redend, halb zu den in der Küche Anwesenden, die mit paralysiertem Blick auf die Tischplatte starrten als wäre sie aus lebenden Würmern, fuhr er fort:
„Shakespeare, ja toll, großer Klassiker, aber mit Sätzen wie“, er zog ein gelbes Reclamheftchen aus seiner Manteltasche und las, mit beiden Händen gestikulierend: „Es ist noch unbekannt, (ich werd es aber beweisen, wenn die Rettung meiner Ehre mich zu einem Schritt zwingt, den ich sonst als eine meiner unwürdige Pralerey ansehe,) daß mein Blut aus einer königlichen Quelle geflossen ist; und meine Verdienste allein sind, ohne Vergrösserung, zulänglich auf ein so stolzes Glük Anspruch zu machen, als dieses ist, dessen ich mich bemächtiget habe. Damit kann ich mich einfach nicht identifizieren. Ich hätte lieber etwas näher am Puls der Zeit gearbeitet. Natürlich, Rassismus kann man sich aus dem Shakespeare-Stück wirklich nicht saugen, das will ich ja auch gar nicht behaupten. Entschuldigt, Freunde, da gingen vielleicht einfach die Pferde mit mir durch. Die Verfilmung mit Denzel Washington zum Beispiel ist brillant! Aber wisst ihr, die Rolle als Mohr in Shakespeare scheint mir genauso unangenehm extrovertiert wie die Rolle als Mohr in Rudolstadt, die ich allerdings nicht nur einmal oder nur für eine Saison, sondern 18 Jahre lang spielen musste. Aber egal, alles was ich jetzt will, ist, mich hinsetzen, mit euch einen Kaffee trinken und ein Tütchen rauchen.“
Er setzte sich und begrüßte Lou, den ihm Pit als alten Schulfreund vorstellte. Danach setzte wieder Schweigen ein. Elias stand auf, schraubte die Mokka-Kanne auseinander, spülte sie und befüllte sie erneut mit Kaffee (Lavazza Dolce Gusto, auch aus dem Hotel).
„Habt ihr irgendwie schlechte Laune? Ist was passiert?“
Just in dem Moment erschien Susi wieder in der Küche. Sie reichte Elias die Hand.
„Oh mein Gott“, sagte er, „sie ist eine wahre Desdemona! Das Stück verfolgt mich sogar bis nach Hause! Womit habe ich das nur verdient? Am besten ich gehe einfach ins Bett und warte bis ich aufwache.“
„Oh mein Gott“, sagte Susi, und streifte sich dabei mit ihrem Handrücken theatralisch den frischen Schweiß von der Stirn, „du passt ja wirklich gut in diese Ansammlung von Deprimierten. Ich dachte mir geht’s grad scheiße, aber ich glaub, ich würde echt nicht mit einem von euch tauschen wollen! Versuchs doch mal mit einem Lächeln, hm, wie wär das? Wie war deine Name noch mal?“
„Elias“, seufzte er.
„Ich mein das echt so. Ein Lächeln würde dir bestimmt supi stehen! Meine Freundin hat auch so ein süßes kleines Negerbaby wie dich! Den find’ ich total knuddelig. Und wer ist eigentlich Desdemona?“
Elias holte tief Luft, wobei er demonstrativ den Brustkorb hob. Dabei drehte er sich zu den Freunden, schüttelte den Kopf und hauchte: „Das war zuviel…ich glaub, ich muss wirklich einfach ins Bett.“

Barbara war die vierte Mitbewohnerin jener WG, von denen es damals noch so viele gab.

2.Akt
Susi erhöht den Nervfaktor, bis die Stimmung umschlägt und selbst Lou nicht mehr bereit ist, ihre Art zu tolerieren. Aber während die anderen versuchen, sie dezent darauf hinzuweisen, dass ein längerer Aufenthalt nicht erwünscht sei, fängt Lou zunehmend an, sich hemmungslos zu betrinken. Während Marcel und Elias vor allem psychisch unter Susi leiden, bekommen Pit und Barbara zunehmend gesundheitliche Probleme. Sie haben sich angesteckt…Die Situation eskaliert.

[Marcel/ Möwen]
[Pit/ Messekoch]

3.Akt
Es kommt zu dem verhängnisvollen Beschluss: Susi muss weg! Marcel hat über Nacht alle vier Miss Marple- Filme studiert, um den perfekten Mord zu planen. Unabhängig davon, hat Elias sein Repertoire an Mörderrollen aktiviert und begonnen sich selbst auf seine Mordfähigkeit hin zu überprüfen. Am Frühstückstisch bekennen sie sich voreinander zu ihrem abartigen Vorhaben. Barbara und Pit, die an diesem Morgen trotz Durchfalls ihre Schichten antreten müssen, geben mehr oder weniger unbewusst ihr Einverständnis. Susi und Lou, der in der Küche eine Sintflut an leeren Bierflaschen hinterlassen hat, schlafen noch in Pits Zimmer.

4.Akt
Mordversuche scheitern: Marcel, der sich zum strategischen Leiter der Mission aufgeschwungen hat, plant zunächst die Vergiftung. Pit soll die beliebten Brownies für Susi mitbringen und mit einem geschmacksneutralen Gift versetzen. Aber da Susi das letzte Mal von den Brownies die Scheißerei bekommen hat, lehnt sie diese ab. Zunächst sind die Freunde etwas erleichtert, doch Marcel lässt nicht locker und stiftet den psychisch labilen Elias zu einem Komplott an. Susi soll als Statistin für eine Theaterrolle herhalten. Geprobt wird die Ermordung des Gretchens. Doch Elias bringt es nicht fertig, statt ihr die Halsschlagader durchzuschneiden verletzt er sie nur am Kinn, woraufhin er heftig Prügel von ihr bezieht und ihr in Notwehr ins Bein sticht.

[fehlt noch ein dritter Mordversuch]

5.Akt
Versöhnung, tragisches Ende: Susi steckt den Vorfall extrem cool weg. Sie tröstet die beiden unfähigen Mörder und verspricht bald wieder zu verschwinden. Sie wisse, dass sie alle genervt habe, aber sie hat keine Freunde, ist im Heim aufgewachsen, hat sich einfach gefreut mit jemandem eine Wohnung zu teilen, der sie nicht vergewaltigen oder beklauen möchte. Man ist gerührt, trinkt auf Versöhnung. Lou ist schon seit Tagen nicht ansprechbar im Biervollrausch. Barbara und Pit freuen sich über die Wende, alles läuft auf einen gemütlichen Abend hinaus, bis Susi unbemerkt zu den vergifteten Brownies greift…