Jeffrey Lewis& The Junkyard: ‚Em Are I

(Albumkritik, veröffentlicht in der Juni-Ausgabe des Rolling Stone)
Über die Schönheit des Rastlosen und die Rastlosigkeit des Schönen

Lewis’ letztes Album widmete sich der Neuinterpretation von 12 Songs der britischen Anarcho-Punker Crass. Aus viel Lärm, Schweiß und Gerümpel der 80er Jahre filterte er Melodie und Harmonie, wo man sie zuletzt erwartet hätte.
Die Themen seiner neuen Platte sind traditionell auch nicht unbedingt prädestiniert für sommerliche Gute-Laune-Lieder. In ‚Roll Bus Roll‘ verarbeitet er sein rastloses Tourleben als Flucht vor dem älter werden, als Angst vor der eigenen immer größer werdenden Geschichte und den wachsenden Erwartungen. Allerdings rollt sein Greyhound auf einer wunderschönen breiten Allee, gesäumt von hypnotisierend gepickten Gitarren, Mandoline und einem Chor von Freunden. Also klemmt Lewis einfach ein altes Sweat- Shirt zwischen Kopf und Fensterscheibe und schlummert friedlich ein, denn „It’s all fine as long as the bus makes the city behind me smaller and smaller.“
Begleitet wird er bei seiner Flucht in die Harmonie wieder von seinem Bruder Jack und Drummer David Beauchamp, die sich diesmal The Junkyard nennen, ergänzt durch Gastauftritte von Hermann Düne, J. Mascis, Emily Lacy u.a. Insgesamt geht es ruhiger zu als auf den letzten Alben, das neurotische seiner Acid-Abenteuer ist etwas verloren gegangen und die Punkborsten, die ‚City& Eastern Songs‘ noch gespickt hatten, wurden gestutzt. Was bleibt sind die großartigen komisch-tragischen Texte und die mühelose Originalität des Comiczeichners, die Lewis mit der Aura des Genialen umgibt. Auch wenn seine Stimme gelegentlich etwas dünn wirkt.
Es scheint ein bisschen so als habe Jeffrey Lewis eine Schönheit entdeckt, die erbittert gegen die Angst vor Langeweile und Etabliertheit kämpfen muss. But „it’s hard to get too bored if you pick the right two cords!“ (Rough Trade/ Beggars Group)

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Beat Your Idol!

Bodi Bill in der Kunsthochschule Schneeberg

Ich ließ/ les/ las/ los: positionsloser Pop! Was? „Bodi Bill – zwischen Lagerfeuer und Fabrik sprenkeln sie Musik zwischen grandios poppig und einlullend wabernd“, schreibt irgendwer. Ja ja ja. Weil Elektro und Folk sowieso erstmal nicht dazu erkoren scheinen der Kugelmensch der Musikindustrie zu werden, kann man schon verstehen, wenn es schwer fällt die Musik des Trios zu beschreiben.
Der Mangel an Vergleichbarem erzeugt dann leider oft eine Metaphorik die weniger beschreibend als limitierend blüht (vegetiert). Wobei, vergleichbares gibt es natürlich schon. The Notwist wäre so eine Referenz.
Aber das befreiende, und den homo catalogicus verwirrende ist, dass es bei dem Konzert von Bodi Bill keine Position zu beziehen gibt. Politikfreie Zone, keine Vorbilder, kein Dresscode, auf der Bühne stehen zur Abwechslung mal keine Adepten, Eklektiker, Erneuerer, Futuristen oder Revoluzzer. Mehr so was wie ein körperloses Medium für die Projektion von Gegenwart.
Die 160 Glücklichen, die es aufs Parkett der Kunsthochschule geschafft haben wurden an diesem Abend jedenfalls wunderbar schmerzfrei durch das Sieb des Zeitgeistes gestrichen. Den intimen Rahmen nutzte das Trio, um mit viel Konzentration und sichtlich Spaß viel Neues auszuprobieren, wobei Geige, Keyboard, Bass, Gesang und 3 Laptops eine hedonistische Symbiose aus reinem Jetzt und Nachtluft bildeten. Sänger Fabian Fenk wippte durch das Publikum und produzierte dabei dennoch dasselbe schneidende und warme Timbre wie auf Platte. Neben „Tip Toe“ und „I like Holden Caulfield“ war vielleicht der Höhepunkt des Konzerts eine schmunzelnde Coverversion von Nothing Compares To You von Sinnead O‘ Connor. „Next Time“, das aktuelle, zweite Album von Bodi Bill, verkauft sich gerade prächtig, und man kann nur hoffen, dass sie nicht doch irgendwann anfangen beim Songschreiben Idolen nachzueifern.