Die Leute von Danubius oder: Eine kleine Geschichte über Pressefreiheit

 

In Danubius hat Punkt 16 Uhr jeder Feierabend. Die Bäckerei, das Gericht, die Polizeistation und die Gärtnerei schließen, das Radio hört auf zu senden, das Rathaus wird zugeschlossen. Deshalb gehen wir als Zeitung rechtzeitig in Druck, um 16 Uhr mit einer neuen Ausgabe auf den Straßen stehen zu können. Wir sind insgesamt sieben Mitarbeiter und so viele wie möglich schwärmen dann aus, die Bildschirme der Computer flackernd und die Notizbücher aufgeschlagen auf den Schreibtischen zurücklassend.

„Zeitung! Kauft die neue Zeitung!“, rufen sie, während sie die wenigen Straßen der Stadt durchkämmen, die sich um eine mittelalterliche Kirchenburg schlängeln. Kleine Trauben von kleinen Menschen sammeln sich um die Reporter und kramen in ihren Taschen nach Geld und lesen die Zeitung meist noch an Ort und Stelle, die Köpfe geneigt, die Augen auf dem Blatt von links nach rechts wandernd. Das Papier ist dann oft noch warm vom Drucken und die Finger der Redakteure werden mit jeder verkauften Zeitung schwärzer.

Etwa jede vierte Person in Danubius kauft unsere Zeitung, die DanubiNews, jeden Tag. Man geht davon aus, dass eine Zeitung im Durchschnitt von drei Personen gelesen wird. Wenn das stimmt, haben wir eine höhere Einschaltquote als jedes WM-Finale, denn in Danubius leben nur etwa 200 Menschen.

Unsere Zeitung hat zwei Seiten: vorn Politik, hinten Klatsch und der Witz des Tages. Die Menschen hier lesen die Zeitung nicht kopfschüttelnd oder Augenbrauen runzelnd – sie schütten sich aus vor lachen oder stampfen mit dem Fuß auf oder kratzen sich mit dem Finger an der Stirn, wenn sie etwas nicht verstehen – aber wie überall anders auch, ist die Zeitung bereits nach dem Abendessen wieder vergessen.

Doch heute ist das anders. Heute hat unsere Berichterstattung die Bevölkerung in zwei Lager gespalten, die sich schreiend und weinend und Fäuste in der schwülen Luft schwingend gegenüber stehen und ihr Abendessen ganz vergessen.

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Warum ich aus Sachsen weggezogen bin

Der Text ist erstmalig im März bei Krautreporter erschienen. Für Das Magazin aus der Schweiz habe ich noch ein paar Absätze zur AfD ergänzt. Für diesen Blog habe ich nun beide Versionen zusammengeführt und aktualisiert sowie um einige Reaktionen ergänzt. Alles was neu ist, ist kursiv gesetzt.

Zwickau, Mitte der Neunzigerjahre: Ich war gerade aufs Gymnasium gekommen, Deutschland gewann die Fußballeuropameisterschaft und meine Nachbarn feierten Adolf Hitler. Meine Nachbarn, das waren die „HooNaRa“ – Hooligans, Nazis und Rassisten. Die hießen wirklich so. Es stand auf ihren T-Shirts und auf ihren Bannern. Weiß auf Schwarz.

Sie standen im Fan-Block des FSV Zwickau, sie besetzten die Terrasse des Eiscafés im Freibad, sie veranstalteten Konzerte und hatten einen Klamottenladen in der Innenstadt. Und ab und zu feierten sie auf dem Fahrübungsplatz hinter dem Haus meiner Eltern. Dort hatten sie eine kleine Baracke.

Weil Nazis gern um Feuer herumstehen, wenn sie Nazifeiern machen, und auf Fahrübungsplätzen nicht viel Brennbares zu finden ist, suchten sie nach Holz in der Nähe und fanden unseren Zaun. Er brannte gut und knackte wie ein altes Grammophon, während die HooNaRa drumherumstanden, unfassbare Mengen Bier tranken und Sieg Heil riefen. Wenn 50 Männer gemeinsam singen, kann man das sehr weit hören. Manchmal kletterten mein Bruder und ich auf das Vordach unseres Hauses, drückten uns an die Hauswand und beobachteten sie.

Meine Eltern riefen die Polizei. Die Polizei sagte, man wisse schon Bescheid. Man könne aber nichts machen – man habe nicht genug Leute. Meine Eltern schrieben dem Ordnungsamt – der Ordnungsamtsleiter rief zurück und sagte: Das sind nur Dumme-Jungs-Streiche und er habe Wichtigeres zu tun. Bald hatten wir keinen Zaun mehr.

Einmal stand ein Polizeiwagen in der Einfahrt zu unserem Haus, während die Nazis wieder mal feierten. Zwei Polizisten blitzten Raser. Wir gingen hin zu ihnen. „Hören Sie das nicht?“, fragten wir.

„Was denn?“

„Die Sieg Heil-Rufe?“

„Und? Was soll’mern da jetzt machen?“

Es waren nicht nur Dumme-Jungs-Streiche, die die HooNaRa ausheckten. Das hätte man damals schon wissen können. Heute muss man es wissen – einige von ihnen gehörten zum Netzwerk des späteren Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU). Sie halfen beim Töten. HooNaRa-Anführer Ralf „Manole“ Marschner arbeitete zehn Jahre lang für den Bundesverfassungsschutz, wie 2013 bekannt wurde.

Nach eigener Aussage ist er dem Trio in Zwickau nie begegnet. Nach Aussagen ehemaliger Mitarbeiter beziehungsweise Geschäftspartner hat er die Neonazis hingegen sogar in seiner Baufirma und seinem Klamottenladen beschäftigt. Zudem hat er gemeinsam mit Beate Zschäpes wohl bester Freundin, Susann Eminger, deren Ehemann als Helfer des Trios in München angeklagt ist, in Zwickau 2001 eine Kneipe überfallen. Mit anderen Nazis an Hitlers Geburtstag. Politische Motive sah die Staatsanwaltschaft nicht. Marschner, in Zwickau oft nur „Moh“ (für Mann ohne Hals) gerufen, lebt heute in der Nähe von Chur und hat ein Antiquitätengeschäft in Liechtenstein. 

Der Ordnungsamtsleiter von damals ist heute Stadtrat in Zwickau. Er ist CDU-Mitglied und Träger des Bundesverdienstkreuzes. Heute sagt er, er kann sich an solche Vorfälle nicht erinnern – ergo: „Da musst du was verwechselt haben“, schrieb er mir (und an die Redaktionen von Krautreporter und Freie Presse) nach Erstveröffentlichung dieses Artikels und schiebt noch hinterher: „Freunde machst du dir damit nicht.“

Bei der Polizei hat sich nicht viel geändert seitdem, darauf komme ich gleich nochmal zurück. Mein Bruder und ich sind aus Zwickau weggezogen, wie die meisten unserer Freunde, bald nach dem Abitur.

Ein Kommissar auf eigener Mission

Vor fünf Jahren bin ich zurück gekommen, um erst in Chemnitz, dann in Zwickau für die Tageszeitung Freie Presse zu arbeiten. Vielleicht auch, um meine Heimat wiederzufinden. Nazis – nennt sie von mir aus wie ihr wollt – gab es hier schon immer. Das wussten alle außer der CDU. Aber was musste geschehen, dass sie die Überhand gewinnen? Was haben wir – ich und die anderen, die sich für die Guten hielten – falsch gemacht?

Ein Beispiel: Vergangenen Sommer sehe ich, wie in der Fußgängerzone ein Mann eine Roma anschreit. Die Frau saß dort, direkt vor dem Eingang der Redaktion, seit einigen Tagen mit ihrem Pappbecher auf dem Kopfsteinpflaster und sagte: Gutetag.

Der Mann war ein sehr wütender und auch ein sehr muskulöser. Er forderte die Frau auf, aufzustehen und abzuhauen. Und er hatte offensichtlich vor, so lange zu brüllen, bis sie geht. Ich habe den Mann gefragt, was genau er denn da macht. Da wendete er sich sofort von der Frau ab, trat bis auf Bockwurstlänge an mich heran und durch seinen voluminösen Brustkorb pumpte Wutblut. Ich hätte mich hier nicht einzumischen und solle gehen. Da habe ich ihm gesagt, dass er kein Recht hat, irgendjemanden herumzukommandieren. Darauf sagt er: Doch!

„Dann sind Sie also gerade in dienstlichem Auftrag?“, frage ich ihn.

„Sie behindern hier eine Polizeiaktion. Ich verweise Sie vom Platz!“

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Kummer ist Fiktion

Ich liebe dich zu sehr, um mit dir zusammen sein zu können. Das war die Begründung, mit der die Lektoren abgelehnt hatten, mein Buch in ihrem Verlag rauszubringen. Der Verlag sei ein Sachbuchverlag, und mein Stoff würde sich besser als Fiktion verkaufen lassen.

Ich sagte Ihnen, dass das für mich keinen Unterschied macht, da alles, was ich erlebt hatte, besser war als alles, was ich mir ausdenken könnte. Ich würde also versuchen, so gut es geht die Wahrheit zu erzählen – und warum sollte ich dann so tun, als hätte ich mir die Geschichte nur ausgedacht? Weil man damit viel mehr Geld verdienen kann, sagte die Lektorin.

Sie gaben mir ihre Visitenkarten als wären es 50 Euro-Scheine. Ich beschloss zum Promoauftritt von Phoenix im Kulturkaufhaus Dussmann auf der Friedrichstraße und dann zu Frittenbude in Huxleys Neuer Welt zu gehen.

Ich hatte massiven Bierdurst. Was für ein glorreicher erster Satz, dachte ich. So sollte mal eine Kurzgeschichte anfangen. Ich hatte aber auch wirklich großen Appetit auf ein Bier, als ich das Dussmann betrat, und dieser Satz wurde der erste Satz dieser Geschichte. Danach habe ich zwei Absätze geschrieben, die vor jenen Satz gehören, siehe oben.

Da „Ich hatte massiven Bierdurst“ natürlich in Wahrheit ein völlig verblödeter erster Satz ist, ist das auch gut so. Zu diesem Zeitpunkt (also dem des Schreibens, nicht des Durstigseins), weiß ich auch noch gar nicht, was der erste Satz sein wird. Mal überraschen lassen. In diesem Moment ist der Leser schlauer als ich.

„Arschfahl klebte der Mond am Fenster“ ist der erste Satz eines Krimis von Helge Schneider, glaube ich. Von meinem Fenster aus ist kein Mond zu sehen, dafür das Parkdeck von Kaufland, ein Bürogebäude und eine Fabrikhalle, in der noch Licht brennt. Alles blau angeblinkt von einem Krankenwagen, der vor dem Altersheim nebenan steht.

„Ich saß an dem Ort, an dem die Leute immer sitzen, wenn sie etwas sagen wollen: Lokal. Bier.“ Das ist der erste Satz in Moritz von Uslars „Deutschboden“. Die Kulturbühne ist nicht so ein Ort. Eigentlich ist es nur ein kleiner Saal im Café Ursprung, das ein siemensgrüner Alptraum im Untergeschoss des Dussman ist.

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Dennys Freunde

Denny war ein Nazi. Jedenfalls sah er so aus. Er trug immer eine glänzende grüne Bomber-Jacke mit orangefarbenem Innenfutter. Ich glaube, er war sehr stolz darauf. Manchmal trug er sie sogar beim Aufwärmen vor dem Spiel, aber das hat ihm der Trainer dann verboten. Außerdem trug er immer Jeans und schwarze Springerstiefel. Denny war Stürmer in meiner Fußballmannschaft. Wir waren damals in der C-Jugend, also vielleicht 14 Jahre.

Er hatte aschblondes Haar, das er sich mit der Maschine selber schnitt. Drei Millimeter war zu kurz. Zwölf Millimeter fand er zu lang. Die Haarlänge war Denny sehr wichtig. Wir machten uns oft lustig darüber, wenn er in der Kabine saß, die Wand anstarrte und mit der Hand über seine Haare raspelte. „Wird mal wieder Zeit für’n Friseur, was?“, neckten wir ihn.

Ansonsten war Denny ziemlich gut aussehend. Braungebrannt, schlank, muskulös, ein bisschen größer als wir anderen. Er hatte eine sichelförmige Narbe unter dem rechten Auge und ganz feinen blonden Flaum im Gesicht. Kein Bart, sondern super dünne Härchen, die man nur im Gegenlicht sehen konnte. Wie bei einem Pfirsich.

Die Nazi-Sache hat ihm eigentlich niemand abgekauft. Manchmal guckte ein abgewetzter Pappdeckel aus seiner Sporttasche heraus. Darin waren seine Schulaufgaben abgeheftet. Auf den Pappdeckel waren lauter Fenster mit Kugelschreiber gekritzelt. Er hatte Hakenkreuze gezeichnet und später aus Angst vor dem Lehrer Quadrate mit einem Kreuz in der Mitte daraus gemacht. Er hatte die Linien mehrfach nachgezogen und den Stift mit viel Druck aufgesetzt, das konnte man sehen. Alle lachten darüber und sagten, Denny ist ein Windows-Fan.

Er war auch nie mit dabei, wenn wir klauen gingen oder Benzin schnüffelten oder Gras rauchten. Das ist nix für einen ordentlichen Deutschen, meinte Denny. Ich fragte mich dann immer, was ein ordentlicher Deutscher so treibt in seiner Freizeit, außer Haareschneiden und Fußballspielen. Ob ein ordentlicher Deutscher wenigstens beim Fidschi klauen darf, war eine der Fangfragen, mit der wir ihn über die Bedeutung des Deutscheins ausfragten, das außer für Denny für niemandem wichtig zu sein schien.

Manchmal beleidigte er einen kleinen Russen, der bei uns spielte oder machte Witze über ihn. Edward, der Russe, reagierte aber nie darauf. Er war ein bisschen schwerhörig und sprach ein merkwürdiges Deutsch. Wie Denny redete er eigentlich so gut wie nie. Und wenn Außenseiter über Außenseiter Witze machen, lacht nie jemand.

Edward hörte nach ein paar Monaten im Fußballverein auf. Er hatte meist auf der Bank gesessen. Er fing dann mit Boxen an und bekam ein paar Muskeln und hing nur noch mit seinen Russenfreunden rum. Für ein paar Wochen im Herbst hatten sie die Kontrolle über den Gummi, einen kleinen Sportplatz mit Kunststoffbelag hinter der Sporthalle Neuplanitz. Sie saßen auf einem Frachtcontainer, der am Rand stand.

Sie bestimmten, wer auf dem Platz spielen durfte, und drohten allen Prügel an, die dachten, sie meinen es nicht ernst. Die Russen hatten den Ruf, gut boxen zu können und extrem brutal zu sein, wenn sie einmal los legen.


Einmal rief mich Denny zuhause an und fragte, ob ich mich vor dem Training mit ihm treffen will. Ein Freund von ihm hat Geburtstag, sagte er. Wir könnten kurz vorbei schauen, auf ein Bierchen. Ich war überrascht, weil Denny mich noch nie angerufen hatte, aber ich sagte ja.

Auf Leute, die ihn nicht kannten, konnte er schon einschüchternd wirken. Manchmal ging ich mit ihm nach dem Training noch zum Supermarkt und wir tranken irgendwo ein Bier, das wir dort gekauft hatten, und rauchten Zigaretten. Dann hoffte ich immer, dass mich jemand mit ihm sieht und dann denkt, ich hätte brutale Freunde.

Andererseits konnte es mir niemand von meinen Hip-Hopper-Freunden übel nehmen, wenn ich mit Denny, dem Nazi abhing. Es war ja nur der harmlose Denny aus meiner Mannschaft. Er war mal sitzengeblieben und deswegen hielten ihn alle für ein bisschen dumm. Aber er schoss eine Menge Tore, also war es egal.

Ich traf mich mit Denny an der Haltestelle am Baikal. Das Baikal ist ein Einkaufszentrum. Es gibt da einen Supermarkt, einen Blumenladen und ein Sonnenstudio, einen Friseur und eine Sparkasse. Damals bin ich mit meinen Freunden in fast jeden Supermarkt in der Nähe gegangen, um Alkohol und Zigaretten zu klauen oder irgendwas anderes. Das klingt, als wäre das alles ewig her, dabei war das vor vielleicht noch bis vor zwei Jahren so.

Wir klauten fast alles, Chips und Schokolade und Limo und Feuerzeuge und Frauenunterwäsche. Manchmal bildeten wir Zweier-Teams. Einer trug den Rucksack und achtete auf die Supermarkt-Mitarbeiter. Der andere lief dahinter und stopfte alles schnell in den offenen Rucksack. Wenn wir erwischt wurden, was häufig vorkam, sind wir einfach weggerannt. Nur im Baikal bin ich nie mit gewesen, weil dort der Vater eines Schulfreundes Marktleiter war, der auch meine Eltern kannte.

Denny und ich liefen zu einem sechsstöckigen Neubaublock, der schräg gegenüber vom Baikal lag. Ich trage dort Zeitung aus und erst jetzt ist mir aufgefallen, dass die meisten Wohnungen leer sind. Ich habe immer ein bisschen Angst, dass der Typ, bei dem wir gleich klingeln sollten, einmal zufällig auftaucht, wenn ich gerade die Zeitung bei ihm in den Briefkasten stecke. Ich will ihn auf keinen Fall wieder sehen.

Denny klingelte. Eine Männerstimme sagte Ja. Denny sagte Denny hier. Dann summt die Tür und Denny drückt sie mit der Schulter auf. Wir gehen bis in den dritten Stock. Im Treppenhaus riecht es nach Herbst und Hundefutter. Dann kann man hören, wie eine Tür aufgeht. Laute, schnelle Rockmusik dringt ins Treppenhaus, ziemliches Geschrammel. In dem Lied geht es um Bomben über Dresden, ich kann nicht viel vom Text verstehen, weil der Sänger meist schreit, aber die Zeile „Keine Chance zu entkommen“dringt klar und deutlich heraus, wie ein Warnruf.

Als wir oben ankommen, steht ein Typ mit Glatze, roter Bomberjacke und Springerstiefeln in der Tür. Als wir den Treppenabsatz erreichen und auf die Wohnungstür zulaufen, kann ich eine Hakenkreuzfahne erkennen, die die ganze Stirnseite des Flurs bedeckt. Ich würde jetzt ganz gern abhauen, aber das geht nicht mehr.

Denny und der Typ geben sich auf Nazi-Art die Hand. Dann hält der Geburtstags-Nazi auch mir die Handinnenflächen zum einschlagen hin und ich sage ihm auf Nazi-Art Hallo. Genauer gesagt sage ich „Hi“, was mir gleich ziemlich dumm vorkommt. Er hat blaue Augen wie Denny und mustert mich kurz. Ich trage eine weiße Jeans, die an den Hosenbeinen aufgeschnitten ist, Adidas-Hallenfußballschuhe und eine rot-blaue Puma-Trainingsjacke. Er dreht sich um und geht durch den kurzen Flur Richtung Wohnzimmer.

Unter der Bomberjacke trägt er ein eng anliegendes weißes T-Shirt, unter dem sich ein Körper abzeichnet, wie ihn Kickboxer haben. Wir stellen unsere Sporttaschen im Flur ab und folgen ihm ins Wohnzimmer. Dort sitzen schon zwei andere Nazis auf der Couch. Sie sind ein bisschen fetter, tragen aber auch Bomberjacken und Springerstiefel und Glatze.

Der Geburtstagsnazi setzt sich in den Sessel und zündet sich eine Zigarette an. Wir setzen uns auf die Couch, holen unsere Zigarettenschachteln raus und fangen auch an zu rauchen. Auf einmal brüllt der Geburtstagsnazi „Wo bleibt’n die Bowle?“ in Richtung Küche. Kurz darauf kommt ein Mädchen mit einer großen Glasschüssel Sektbowle, in der Dosen-Mandarinen schwimmen, herein, mit ihr ein kleiner Junge auf einem Plastiktraktor.

„Sollen wir die Scheiße aus der Schüssel saufen, oder was? Wir haben Gäste, hast du mitbekommen, oder? Hol Gläser.“ Das Mädchen starrt den Nazi kurz an und geht dann wieder in die Küche, Gläser holen. Sie stellt sie ab und taucht eine große Schöpfkelle in die Bowle. Die Schüssel, die Gläser und die Kelle sind aus Glas und gehören zu einem Set. Meine Eltern haben das gleiche.

Dann nimmt sie den kleinen Jungen, der auf dem Boden sitzt und mit einem Stück Linoleum spielt, das sich vom Fußboden löst, und trägt ihn weg.

Ich weiß nicht mehr genau, über was wir uns unterhalten haben an diesem Nachmittag. Ich war froh, dass wir einen Grund hatten, nicht lang zu bleiben. Wir hatten ja später das Fußball-Training. Und ich versuchte, nix Falsches zu sagen. Also nichts, was ich bereuen würde, weil es Nazi-Zeug war, und nichts, was mir hier Ärger einbringen würde.

Das Gespräch drehte sich um Bullen und Ausländer. Der Typ mit der roten Bomberjacke redete die meiste Zeit. Er hatte etwas sehr Überzeugendes in seiner Art und konnte gut reden. Die anderen hörten ihm meist nur zu und sagten manchmal, „Ja, man, stimmt! Diese Affen!“ oder: „die Kanaken und die Wessis reißen sich hier alles unter den Nagel“ oder sowas ähnliches.

Aber der Geburtstagsnazi war eindeutig der Anführer und ich versuchte mir auszumalen, was sie wohl so alles nazimäßiges anstellten, ob sie richtige Aktionen planten und wen sie als nächstes verprügeln würden.

Nach einer Stunde sagt Denny, wir müssen jetzt gehen. Alle stehen auf und wir klatschen ab und halten uns dabei an den Schultern. Der Geburtstagsnazi bringt uns zur Tür und sagt zum Abschied, wir sollen sauber bleiben.

Dann ging ich mit Denny zum Training. Ich war ein bisschen angetrunken von der Bowle und wir redeten nicht viel. Ich dachte darüber nach, wie oft Denny mit diesen Typen rumhing und ob er selbst schon mal jemanden richtig verprügelt hatte. Wir redeten auch später nie darüber. Denny redete, wie gesagt, allgemein nicht sehr viel.


Am Abend, nach dem Training, lief ich wieder zur Haltestelle am Baikal. Ich hatte etwas Zeit zu überbrücken, bis mein Bus kam, also ging ich in den Supermarkt. Ich blätterte durch ein paar Zeitschriften und schaute mir die Kassettenhüllen der Videos an, die erst ab 18 waren.

Dann kaufte ich mir ein paar grüne Gummi-Spaghetti und wollte gehen. Am Supermarkt-Ausgang kamen mir zwei Typen entgegen, die ich kannte. Sie waren zwei oder drei Jahre älter und gehörten zur Hip-Hopper-Clique. Ich hatte nie was mit ihnen zu tun, aber alle fanden sie cool und ich auch.

Sie blickten sich kurz an und liefen dann direkt auf mich zu. „Na, was läuft so, Großer?“, fragte der eine. „Du spielst doch bei Süd, oder?“, der andere. „Ja“, sagte ich. „Und, klauen gewesen?“, fragte der andere, von dem ich zum ersten Mal bemerkte, dass er einen Zopf trägt.

Nein.

Nicht? Aber wir haben dich doch gesehen.

Ich sagte, das kann gar nicht sein, aber in dem Moment steckten sie mir eine Packung mit Walkman-Kopfhörern in die Tasche meiner Trainingsjacke. Sie hakten sich beide bei mir ein, drehten mich um, und der eine, der mir die Kopfhörer zugesteckt hatte, sagte, sie würden jetzt mit mir zum Marktleiter gehen.

Wenn man jemanden beim Klauen erwischte und es zur Anzeige brachte, bekam man 100 DM Belohnung. Das stand auf einem Schild über jeder Kasse. Ich hatte es schon oft gelesen, aber mir nie etwas dabei gedacht. Eigentlich eine ziemlich clevere Art, Geld zu machen, dachte ich und war gleichzeitig ein bisschen beleidigt, weil sie sich ausgerechnet mich als Bauernopfer ausgesucht haben, denn ich hatte mir ausgemalt, ich würde irgendwann, wenn ich 16 bin oder so, auch mit ihnen abhängen.

Ich versuchte wegzulaufen, hatte aber nicht viel Hoffnung. Die beiden waren um einiges stärker als ich und krallten ihre Hände so fest in meine Oberarme, dass meine Unterarme taub wurden. Ich versuchte noch einmal mich loszureißen und bekam einen Arm frei. Dabei blickte ich zum Ausgang. Genau in diesem Moment kamen die drei Nazis zum Supermarkt rein, mit denen ich am Nachmittag Bowle getrunken hatte.

Der Typ mit der roten Bomberjacke rief laut „Ey, Robert“, als er mich erkannte. Die Drei kamen dann auf uns zugelaufen und fragten mich, was los ist. „Nichts, man, was soll denn sein, der Robert hier, den kennen wir vom Fußball, ham nur so gequatscht“, sagte der Typ mit dem Zopf.

Sah aber nach was anderem aus.

„Quatsch, Mann. Wie auch immer, wir ham noch besseres zu tun als mit dir zu plaudern“, sagte der, der mir die Kopfhörer zugesteckt hatte und die beiden Hip-Hopper gingen gerade so schnell raus, dass es noch nicht wie rennen aussah. Ich fragte mich, ob sie die Kopfhörer irgendwann zurückverlangen würden. Die zwei dicken Nazis wirkten ziemlich angetrunken, sie kriegten sich gar nicht mehr ein vor lachen.

Der Geburtstagsnazi sagt, wenn ich Lust habe, kann ich nochmal mit zu ihm kommen.


Alle verwendeten Fotos sind Standbilder aus einem fiktiven Dokumentarfilm von Henrike Naumann. Die 1984 in Zwickau geborene Künstlerin hat in ihrer mehrfach preisgekrönten Videoinstallation Triangular Stories die Jugendzeit von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt thematisiert, als das Trio sich noch nicht „Nationalsozialistischer Untergrund“ nannte. Mit ihrer aktuellen Arbeit, Museum of Trance, ist Naumann zur 4. Ghetto-Biennale nach Haiti eingeladen. Ein Warm-Up Event findet am 23. Oktober in Berlin statt.

Christian Gesellmann, 1984 in Zwickau geboren, ist für die Kurzgeschichte Dennys Freunde Anfang Oktober mit dem Zwickauer Literaturpreis ausgezeichnet worden.

Stundenlauf

Kummer läuft neuerdings nachts stundenlang durch Zwickau. Einfach so. Es ist so seine Art Zeitvertreib, wenn ihm die Welt zu klein wird. Zu Fuß erscheint sie größer. „Wie wenn man Erde unter dem Mikroskop betrachtet“, sagt er. Das hat er mal in einer Doku über Weinanbau auf Arte gesehen. Der Haufen braunschwarzer klumpiger Dreckbröckchen, der wie tote Materie auf der schwieligen Hand des Winzers lag, entpuppte sich unter der Vergrößerungslinse als ein Biotop mit tausenden Lebewesen, mit Springschwänzen, Tausendfüßern, Schnecken, Faden-, Regen- und Ringelwürmern, Ameisen, Milben, Aufguss-, Geißel- und Wimpertierchen und so weiter. Für die Winzer ist es wichtig, dass der Boden möglichst viel Leben enthält, weil die Tierchen die Erde auflockern. Dadurch kann der Regen zu den Wurzeln der Reben durchsickern.

So läuft Kummer nun also nachts mit dem Mikroskop durch Zwickau, um nach Leben am Boden zu suchen, irgendwo zwischen Fernblick und Eckersbacher Höhe, Weißenborner Wald und Wendeschleife Neuplanitz, wenn der letzte Rewe geschlossen und die Bürgersteige hochgeklappt sind.

Kummer war zehn Jahre lang nicht in Zwickau gewesen und ist dann wieder hergezogen. Er hat einen Job als Reporter bei der Lokalzeitung angenommen, befristet für ein Jahr als Schwangerschaftsvertretung. Als erstes fiel ihm auf, dass die Stadt so viel sauberer ist als früher, als man sich den Ruß von den Wangen waschen musste, wenn man durch den Olzmanntunnel gelaufen ist. Und dass die Autos neuer und größer geworden sind. Wenn man in den 90ern von München nach Zwickau fuhr, wurden die Autos an jeder Raststätte Richtung Nordosten ein bisschen kleiner und älter. Dafür hatten sie mehr Aufkleber auf den Stoßstangen. Meist mit dämlichen Sprüchen wie: „Wenn du so bumst wie du einparkst, kriegst du ihn nie rein“ oder mit Werbung, Radio PSR oder RTL. Heute sieht man in Zwickau selten noch Autos, die älter als zehn Jahre sind.

Dann fiel Kummer noch auf, dass es die Punks am Georgenplatz nicht mehr gibt. Und der Rossmann, in dem er das erste Mal beim Klauen erwischt wurde, jetzt eine Bankfiliale ist. Damals war er 13, er hatte in der Frühstückspause einen Trolli-Burger für 99 Pfennig eingesteckt und die Polizei holte ihn mit einem Streifenwagen ab. Es war wahnsinnig peinlich, und wenn ihn irgendjemand mit den Bullen gesehen hätte, hätte er sich eine Ausrede einfallen lassen. Es sah ihn aber niemand. Er musste auf die Wache Am Alten Steinweg. Später musste er noch 100 DM Strafe bezahlen. Und die Polizistin bestand darauf, dass Kummer seinen Vater anrief, um ihn abzuholen. Das war das dümmste von allen. Sein Vater kam, fragte, was los ist. Kummer sagte: „Ich bin beim Klauen erwischt worden.“ „Und jetzt?“, fragte sein Vater.

„Naja, ich hab noch Unterricht.“

„Da muss ich dich doch nicht hinfahren.“

„Nö, ich lauf’“

„Warum sollte ich denn dann herkommen?“

„Weiß ich nicht. Die haben gesagt, ich soll dich anrufen.“

„Hmm.“

„Ok, ich geh dann mal.“

„Ist gut“, sagte sein Vater. Er war gar nicht böse. Er schien eher Mitleid zu haben. Oder Mitgefühl. Er hat das Thema auch nie wieder angesprochen. Kummer war seinem Vater sehr dankbar dafür. Es hätte sowieso nichts geändert. Und Kummer wusste, dass seine Eltern genug eigene Probleme haben, er wollte ihnen nicht zur Last fallen. Das war einer der Hauptgründe, warum er sich in der Schule anstrengte. So lange die Zeugnisse gut ausfielen, stellte niemand Fragen.

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Der Streik

Manche warten auf eine Perspektive. Andere auf den Tod. Einige warten auf Liebe, andere auf ihren Nachschub C – und alle gemeinsam auf den Zug.

Die Zugführer der Deutschen Bahn streiken zum wiederholten Mal in diesem Jahr. Ich weiß nicht, ob es das dritte oder vierte Mal ist, denn ich habe aufgehört, Nachrichten zu lesen. Vielleicht herrscht in den Bahnhöfen größerer Städte Chaos, weil nur noch 20 Prozent aller Züge fahren. In Chemnitz und Zwickau scheinen sich alle damit arrangiert zu haben. Die überdimensionierten, unfreundlichen und zugigen Hallen der alten Bahnhöfe sind so gut wie leer. Nur einige Asylbewerber und verwirrte Rentner sind von dem Streik überrascht, was bei beiden Gruppen kaum auffällt, denn sie sind es gewöhnt, Zeit tot schlagen zu müssen und so unterscheidet sich ihr Verhalten kaum von dem, das sie an den übrigen Tagen des Jahres zeigen. Sie starren mit leerem Blick auf ihr Handy oder verschränken kopfschüttelnd die Arme. Vereinzelt sieht man noch einen Crystalabhängigen, der empört vor der Anzeigetafel die lakonische Laufschrift „Zug fällt aus“ hinter seiner Verbindung liest, mit dem Fuß aufstampft und im Stechschritt zum Fahrkartenautomaten, zurück zur Anzeigetafel und schließlich nach draußen läuft, während er mit nasaler Stimme in sein Handy ruft: „Was soll ich’n jetzt machen? Jetzt bin ich im Arsch, solche Wichser!“ Read More

Walters wilde Wiese

Oder: Was wir von Odysseus lernen können

Walter und Inge Jens waren vielleicht nicht so ein cooles Paar wie Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Aber scheiße, französische Existenzialisten, die für die freie Liebe sind und bei Studentenprotesten reden auf Autodächern halten – da kann man sowieso nicht mithalten. Ich mein, Sartre galt als sexy. Hat den schon mal jemand gesehen? Gegen diesen glupschäugigen Großneffen Albert Schweizers ist selbst Jürgen Klopp noch ein Adonis.

ingeundwalter

Womit wir wieder bei Familie Jens wären. Die waren nämlich Philologen. In Tübingen. Schwerpunkt griechische Mythologie. Klingt nach Strickpullunder. Ist aber trotzdem sexy, finde ich, denn wie die beiden zusammen aufgetreten sind, das hatte was. Sie haben zusammen Bücher geschrieben und waren dennoch unabhängige Denker, die oft gestritten haben. Weil sie sich gern argumentativ am anderen abgerieben haben, um aus dem Basalt zweier Ideen schließlich eine geschliffene Idee herauszuarbeiten.

Nun könnte man sich vorstellen, dass Walter und Inge Jens die Art von Paar sind, die sich sonst nicht viel zu sagen gehabt haben. Blindes Einverständnis, ein Herz und eine Seele, der Deckel zum Topf, er holt die Zeitung, sie die Pantoffeln. Die Art von Beziehung, von der viele träumen, bis sie merken, dass sie mitten drin stecken und sich zu Tode langweilen und dann  mit Nordic Walking anfangen.

Aber gestern habe ich in Walter Jens‘ Kurzgeschichte „Testament des Odysseus“ gelesen, wie dieser antike Irrfahrer seine Ehe mit Penelope wie folgt beschreibt: „Wir kannte keine Geheimnisse. Wir waren Freunde, die sich achteten und einander vertrauten, aber wir hüteten uns, den Abstand zwischen uns zu verringern. Wir wurden Verbündete, aber wir waren niemals ein Paar. Wir wußten, dass wir beide, um leben zu können, die Fremdheit des Ungewohnten brauchten.“

Das ist es doch, oder?! Die Fremdheit des Ungewohnten. Wenn das Gras auf der anderen Seite immer grüner ist, gibt es drei Handlungsoptionen: Nicht mehr auf die andere Seite gucken, um sich nicht zu ärgern. Oder: Das Grün auf der anderen Seite als Blau bezeichnen und sich aus der Realität verabschieden. Oder: Man springt immer mal auf die andere Seite und freut sich wieder auf das alte Grün.

Mehr:

http://www.sueddeutsche.de/kultur/inge-jens-ueber-walter-jens-er-ist-nicht-mehr-mein-mann-1.277242