Der Streik

Manche warten auf eine Perspektive. Andere auf den Tod. Einige warten auf Liebe, andere auf ihren Nachschub C – und alle gemeinsam auf den Zug.

Die Zugführer der Deutschen Bahn streiken zum wiederholten Mal in diesem Jahr. Ich weiß nicht, ob es das dritte oder vierte Mal ist, denn ich habe aufgehört, Nachrichten zu lesen. Vielleicht herrscht in den Bahnhöfen größerer Städte Chaos, weil nur noch 20 Prozent aller Züge fahren. In Chemnitz und Zwickau scheinen sich alle damit arrangiert zu haben. Die überdimensionierten, unfreundlichen und zugigen Hallen der alten Bahnhöfe sind so gut wie leer. Nur einige Asylbewerber und verwirrte Rentner sind von dem Streik überrascht, was bei beiden Gruppen kaum auffällt, denn sie sind es gewöhnt, Zeit tot schlagen zu müssen und so unterscheidet sich ihr Verhalten kaum von dem, das sie an den übrigen Tagen des Jahres zeigen. Sie starren mit leerem Blick auf ihr Handy oder verschränken kopfschüttelnd die Arme. Vereinzelt sieht man noch einen Crystalabhängigen, der empört vor der Anzeigetafel die lakonische Laufschrift „Zug fällt aus“ hinter seiner Verbindung liest, mit dem Fuß aufstampft und im Stechschritt zum Fahrkartenautomaten, zurück zur Anzeigetafel und schließlich nach draußen läuft, während er mit nasaler Stimme in sein Handy ruft: „Was soll ich’n jetzt machen? Jetzt bin ich im Arsch, solche Wichser!“

Die wenigen Fahrgäste, die auf die im Notfallfahrplan im Internet ausgewiesenen Züge warten, sind bestens vorbereitet. Die meisten scheinen Berufspendler mit flexibler Arbeitszeit oder verständnisvollen Chefs zu sein. Sie sitzen mit einem Buch auf dem Schoß in warmen Anoraks auf den Wartebänken. Viele haben einen dieser Plastikbecher für Kaffee oder Tee mit Deckel und Henkel dabei. In Zwickau hat der „Bistro Point“, ein kleiner Eckladen in der Bahnhofshalle, dessen Besitzer auch die Toilettenanlage gepachtet hat, für die man 50 Cent Eintritt in einen kleinen Kasten an der Türklinke werfen muss, die Öffnungszeiten um zwei Stunden verkürzt, wie ein handbeschriebener Zettel verkündet. In Chemnitz nutzt die Verkäuferin der „Wiener Feinbäckerei“ die arbeitsarme Zeit, um einem losen Bekannten von den Härten des Lebens zu berichten: „Eine Stunde vor der Schicht ruft die an und sagt sie kann heute nicht kommen. Ich sage, Mädel, reiße dich mal zusammen, du bist nicht mehr Fuffzehn.“ Die Verkäuferin des „Ditsch“ hat dort, wo normalerweise Leute anstehen, um Brezeln oder Pizzazungen zu kaufen, eine kleine Leiter aufgestellt und wischt mit einem quietschgrünen Lappen die Verkleidung ihrer kleinen Arbeitsstätte ab, die aussieht wie alle „Ditsch“-Stände in allen anderen Bahnhöfen und Innenstädte auch. Insgesamt erinnert die Atmosphäre an diesem Morgen an die watteverpackte Trägheit, die für kurze Zeit eintritt, wenn der erste Schnee des Jahres die Stadt unter eine dünne, schallschluckende Decke bettet.

Zu meiner Überraschung ist die 21:38 Uhr-Regionalbahn von Zwickau nach Chemnitz relativ gut gefüllt (ein Zug, in dem man übrigens bedenkenlos scharz fahren könnte, da dort nie kontrolliert wird). Kurz nachdem ich mich gesetzt habe, nimmt zwei Sitze neben mir ein dicker Mann mit Lederjacke, rotem Hemd und Musketierbart Platz. Dann betreten ein Mann und zwei Frauen den Waggon und setzen sich auf den Vierer vor mir. Ich sehe sie nur kurz aus dem Augenwinkel, da ich versuche zu lesen, aber sie lassen auch bei flüchtiger Betrachtung alle optischen Anzeichen dessen erkennen, was etikettierungssüchtige Soziologen als „abgehängtes Prekariat“ bezeichnet haben: fettige Haare, billige, durchgetragene Kleidung, aufgedunsene und gerötete Gesichter mit den groben Zügen eines Holzfällers. Ich habe die Befürchtung, dass sie mich mit sinnlosen und lauten Alkoholikergesprächen vom Lesen abhalten, aber wie die Spiegelung ihrer Gesten im nächtlichen Zugfenster verrät, handelt es sich um Taubstumme. Nach einer halben Stunde Fahrt ist im ganzen Zug nichts mehr zu hören, abgesehen von einem vereinzelten, sonoren Schnarchen. Die Heizung hat die Temperatur im Wagen auf ein angenehmes Niveau gebracht. Mein Mantel macht das Fenster zum Anlehnen weich und eine Ahnung von Frieden baut ihr Nest in mir. Die Ruhe. Die Wärme. Das langsame Rattern der Regionalbahn, die eine im leisen Schnarchen verbundene Gruppe armer Seelen stetig durch die Nacht zieht, lassen mich traurig und zu Hause fühlen. Ohne hinzuschauen vermute ich, dass das Schnarchen von dem Musketierbartmann stammt, da er sich die ganze Fahrt über nicht bewegt hat und auch keinerlei Kurzweil nachgegangen ist, doch er steigt kurz darauf aus und das Schnarchen nicht. Deshalb ordne ich es nun dem vermeintlich taubstummen Mann vor mir zu, dessen Kinn auf einem von Muskeln stark gewölbten Brustkorb ruht.

Die mechanische weibliche Stimme der automatischen Ansage kündigt meine Station an, und ich stehe auf, um meinen Mantel anzuziehen. Der Taubstumme ist nicht der Schnarcher. Er schaut mich mit einem durchdringenden Blick unverhohlen an, bis ich nach vielleicht fünfzehn Sekunden die Augen abwende. Der Mann ist um die 40 Jahre alt und hat das Down Syndrom. Er sitzt in einer offenbar sehr unbequemen Position, stark vorgelehnt, um mit seiner Hand die Hand der jungen Frau gegenüber halten zu können, die auf der kleinen Ablage unter dem Fenster liegt. Die Frau ist in sich zusammengesunken und aus ihrem offenen Mund flüchten kehlige Schnarchlaute. Als ich zurück zu dem Mann schaue, sieht er mich immer noch an, er lässt mich nicht aus den Augen, in denen eine Mischung aus Stolz und verärgerter Furcht glänzt, wie man sie an Kindern beobachten kann, die beim Spielen in einer aus Decken gebauten Burg von einem Erwachsenen gestört werden. Neben ihm sitzt die zweite Frau, die deutlich älter ist, und mit regungslosem, müdem Blick gerade aus starrt. Ich steige aus. Die Straße vor dem Bahnhof scheint träge und ruhig, als wäre sie unter eine dünne Decke Schnee gebettet.

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