Die Leute von Danubius oder: Eine kleine Geschichte über Pressefreiheit

 

In Danubius hat Punkt 16 Uhr jeder Feierabend. Die Bäckerei, das Gericht, die Polizeistation und die Gärtnerei schließen, das Radio hört auf zu senden, das Rathaus wird zugeschlossen. Deshalb gehen wir als Zeitung rechtzeitig in Druck, um 16 Uhr mit einer neuen Ausgabe auf den Straßen stehen zu können. Wir sind insgesamt sieben Mitarbeiter und so viele wie möglich schwärmen dann aus, die Bildschirme der Computer flackernd und die Notizbücher aufgeschlagen auf den Schreibtischen zurücklassend.

„Zeitung! Kauft die neue Zeitung!“, rufen sie, während sie die wenigen Straßen der Stadt durchkämmen, die sich um eine mittelalterliche Kirchenburg schlängeln. Kleine Trauben von kleinen Menschen sammeln sich um die Reporter und kramen in ihren Taschen nach Geld und lesen die Zeitung meist noch an Ort und Stelle, die Köpfe geneigt, die Augen auf dem Blatt von links nach rechts wandernd. Das Papier ist dann oft noch warm vom Drucken und die Finger der Redakteure werden mit jeder verkauften Zeitung schwärzer.

Etwa jede vierte Person in Danubius kauft unsere Zeitung, die DanubiNews, jeden Tag. Man geht davon aus, dass eine Zeitung im Durchschnitt von drei Personen gelesen wird. Wenn das stimmt, haben wir eine höhere Einschaltquote als jedes WM-Finale, denn in Danubius leben nur etwa 200 Menschen.

Unsere Zeitung hat zwei Seiten: vorn Politik, hinten Klatsch und der Witz des Tages. Die Menschen hier lesen die Zeitung nicht kopfschüttelnd oder Augenbrauen runzelnd – sie schütten sich aus vor lachen oder stampfen mit dem Fuß auf oder kratzen sich mit dem Finger an der Stirn, wenn sie etwas nicht verstehen – aber wie überall anders auch, ist die Zeitung bereits nach dem Abendessen wieder vergessen.

Doch heute ist das anders. Heute hat unsere Berichterstattung die Bevölkerung in zwei Lager gespalten, die sich schreiend und weinend und Fäuste in der schwülen Luft schwingend gegenüber stehen und ihr Abendessen ganz vergessen.

Am Vormittag hatte ich zwei meiner Reporter, Eric und Darius, ins Rathaus geschickt mit dem Auftrag, Lucian, den neuen Bürgermeister an seinem ersten Tag im Amt zu begleiten. Der Bürgermeister war mit dem Versprechen angetreten, alle Gesetze abschaffen zu wollen und sich bei der Wahl mit 44,4% der Stimmen gegen die drei anderen Kandidaten durchgesetzt.

Unsere Redaktion ist nur wenige Meter vom Rathaus entfernt und es dauerte nur ein paar Minuten, bis Eric und Darius zurück ins Büro gerannt kamen. Noch im Türrahmen stehend schrieen sie: „Der Bürgermeister hat morgen Geburtstag. Er will eine Party machen und Pizza und Getränke für alle ausgeben!“

„Bezahlt er das aus seiner eigenen Tasche oder mit dem Geld der Stadt?“, fragte ich.

„Ich weiß nicht“, sagte Eric.

„So viel Geld kann er gar nicht haben!“, sagte Darius. (In Danubius haben alle das gleiche Gehalt, egal, ob sie bei der Müllabfuhr oder im Gericht arbeiten. Außerdem gehen alle Einwohner alle zwei Tage ins Arbeitsamt und wählen sich einen neuen Beruf aus, so dass der Richter, der einen gestern zu Strafarbeit verurteilt hat, morgen im Café bedienen könnte.)

Ich bat Eric und Darius, noch einmal ins Rathaus zu gehen, und sich von der Verwaltung bestätigen zu lassen, ob der neue Bürgermeister die Party aus seiner eigenen Tasche oder mit Steuergeld bezahlt.

Fünf Minuten später waren sie zurück:  „Sie bezahlen es mit dem Geld aus dem Rathaus“

„OK. Setzt euch hin und schreibt es auf. Das wird heute unsere Titelstory.“

Punkt 16 Uhr rennen meine Reporter mit je einem Stapel druckfrischer Ausgaben der DanubiNews auf die Straße. Titelstory: „Skandal! Bürgermeister feiert mit unseren Steuern eine Geburtstagsparty“ Dazu ein Foto von ihm, wie er lachend an seinem Schreibtisch sitzt.

Zwei Minuten später sind Darius und Eric  zurück in der Redaktion: „Der Bürgermeister weint!“, rufen sie mir zu.

„Warum?“

„Weil wir geschrieben haben, dass es ein Skandal ist“

„Aber es ist doch ein Skandal, oder?“

„Ja!“

„Na dann, verteilt weiter Zeitungen.“

Fünf Minuten später versammeln sich auf dem Platz vor dem Rathaus und der Zeitung sich wütende Einwohner des Ortes. Der Bürgermeister weint so bitterlich, dass sein ganzer Oberkörper zittert. Er schaut ausschließlich auf den Boden und sackt immer wieder in den Knien ein, als würde er sich hinwerfen wollen, woran ihn seine Freunde, ein Feuerwehrmann mit langen schwarzen Locken und ein bulliger Typ, der in der Bank arbeitet, hindern, in dem sie ihm unter die Arme greifen.

Wie eine Prozession ziehen sie zur Kantine, von immer mehr Menschen gefolgt, und rufen „Nieder mit der Zeitung! – Hoch lebe der Bürgermeister!“ und „Luci, Luci, Luci“.

Ich beginne mir Sorgen um die Sicherheit meiner Reporter zu machen, die mitten im Getümmel noch unterwegs sind, um Zeitungen zu verkaufen. Während ich an dem Tross des immer noch weinenden Bürgermeisters vorbei laufe, zeigen einige mit dem Finger auf mich und zischen mir Worte zu, die ich nicht verstehe. Wenn sie wütend sind, sprechen die Danubier die verbotene Sprache: Rumänisch.

Ich gehe an der Anti-Zeitungsdemo vorbei in die Kantine, in der alle Bewohner von Danubius gemeinsam ihre Mahlzeiten einnehmen. Neben der Kirche ist es das größte Gebäude. Hier hat sich eine weitere wütende Gruppe versammelt. Diese macht Stimmung gegen den Bürgermeister. „Nicht mit unseren Steuern!“, skandieren sie.

Die Zeitung wird von Hand zu Hand gereicht. (Für unser Geschäft ist das gar nicht gut. Nie haben wir so wenig Zeitungen verkauft, wie an jenem Tag.) Nun zieht auch die Bürgermeister-Gruppe in den Saal ein, der gesamte Ort war versammelt und schreit sich an:

„Luci! Luci! Luci!“ auf der einen Seite –

„Nicht mit unseren Steuern!“ auf der anderen Seite.

Schließlich ergreift Alexandra, eine Rathaus-Mitarbeiterin, schlank und mit langen blonden Haaren, doppelt so alt und erfahren wie der Bürgermeister, den Frischgewählten bei der Hand, geht mit ihm auf die Bühne und macht durch das Saalmikrofon die Ansage: „Der Bürgermeister will euch etwas sagen!“ Sofort wird es still und weite Teile beider Protestlager setzen sich auf den Boden.

„Wir im Rathaus wollen nur Gutes für die Stadt“, sagt sie, dann gibt sie das Mikro in die Hand des Bürgermeisters. Er streicht sich seine halblangen blonden Haare, deren Spitzen nass von Tränen waren, aus dem Gesicht und spricht mit zitternder Stimme nach, was ihm  Alexandra zuflüstert: „Ich, euer Bürgermeister will, dass alle in der Stadt glücklich sind. Ab morgen erhalten alle zwei Seli mehr Gehalt.“

Im Saal entwickelt sich aus einem aufmunternden Klatschen ein tosender Applaus. Dann ergreift Alexandra, der ebenfalls Tränen in den Augen stehen, erneut das Mikro: “In Zukunft muss die Presse das Rathaus um Erlaubnis fragen, was sie über den Bürgermeister schreiben darf!“

Ende


 

Danubius ist eine Kinderspielstadt, die zwischen Juni und August für drei mal eine Woche exisitiert. Sie wird während der Sommerferien von einer deutschprachigen evangelischen Kirchgemeinde aus Fagaras in Rumänien organisiert. Die Kinder sind zwischen acht und zwölf Jahre alt. In Danubius müssen sie Deutsch sprechen und fünf Stunden am Tag arbeiten in Workshops wie der Tischlerei, dem Kino, der Bäckerei oder der Zeitung, deren Leiter ich Anfang Juli für eine Woche war.

Die Kinder bekommen ein Gehalt ausgezahlt in der Fantasiewährung Seli, mit der sie in der Spielstadt einkaufen können, und müssen Steuern an das Rathaus zahlen. Es gibt Wahlen zum Bürgermeister, ein Gericht, eine Polizei und eine Feuerwehr – die Kinder sollen spielerisch lernen, wie eine demokratische (und kapitalistische) Gesellschaft funktioniert.

Die Kinder gehören entweder zu den rund 22.000 Schülern, die eine der privaten deutschen Schulen in Rumänien besuchen oder sie sind Nachfahren deutschsprachiger Minderheiten wie den Banater Schwaben, Siebenbürger oder Schäßburger Sachsen, von denen noch etwa 30.000 in Rumänien leben.

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