Sauerbraten und Zitronen oder: Wie Robert Kummer zum ersten Mal aus einer Disko flog

„Gibts hier ein Problem?“

Immer wenn ich durch ein Feld laufe, muss ich an Werner denken, den Motorradfreak aus dem Brösel-Comic, und seinen herrlich unschuldigen Anarchismus: „Wir trampeln durchs Getreide, wir trampeln durch die Saat, hurra wir verblöden, für uns bezahlt der Staat!“ Vielleicht ist er gar kein Anarchist, wahrscheinlich schlagen die Soziologen jetzt die Hände über dem Kopf zusammen, ist aber auch egal. Ich laufe jedenfalls gerade durch ein Feld. Ich glaube, die kleinen grünen Stängel sollen mal Mais werden. Ich werde dabei zwar auch nicht klüger, aber ich mache es nicht zum Zeitvertreib, sondern weil ich zu einem Rallyewagen laufe, der sich beim Sprung über eine Kuppe verschätzt hat und geradeaus durch die Kurve in eben jenes Feldes gesegelt ist, auf dem wahrscheinlich Mais wächst. Der Wagen sieht ziemlich demoliert aus, Fahrer und Co-Pilot sitzen in ihren bunten Overalls daneben auf dem Erdboden. Der Fahrer schreibt gerade SMS. Vielleicht postet er auch auf seinem Facebook-Profil, dass er eben in Führung liegend leider 😦 ausgeschieden ist. Außer dem Röhren des nächsten Rennwagens ist nur das saftige Klatschen der kleinen Pflanzen an meinen Hosenbeinen zu hören, sie durchnässen den Jeansstoff und hinterlassen rötlichbraune Dreckspuren darauf. Es riecht nach Regen. In kleinen grünen Wellen wogt die Landschaft im Wind. Ich hätte Lust noch ewig so weiter zu laufen, irgendwann in einer kleinen hässlichen Dorfpension anzukommen, die „Weißes Ross“ oder „Goldener Löwe“ oder so heißt und einen Sauerbraten zu essen, Bier zu trinken und dann vielleicht bei offenem Fenster die Nacht in mein Zimmer drängen zu hören, während der Kleiderschrank nach Motten riecht und die Wirtin sich fragt, warum ich kein Gepäck habe außer einem Schreibblock und einer Kamera.

Ich müsste ihr antworten, dass ich Reporter bin und für die Zeitung über die Rallye schreibe und deshalb eben gerade durch ein Feld laufe, um zwei Rallye-Piloten zu fragen, warum sie es verkackt haben und wie sie sich jetzt fühlen. Mit den wahnsinnig originellen O-Tönen im Block fahre ich zurück ins Pressezentrum des Rallye-Veranstalters, besorge mir die Ergebnisse und wärme mich mit einem Kaffee auf. Fünf Fotografen sitzen hinter mir und schreien sich gegenseitig ihre Abenteuer zu. Ich wechsel in ein Pub über und schreib meinen Artikel runter. Als ich fertig bin, bin ich bereits in erhöhter Bierlaune. Zeit für einen Ortswechsel. Auf meinem Heimweg liegt eine kleine Diskothek, ich war schon ewig nicht mehr da, denn es ist eigentlich ein scheiß Laden. Aber ich habe Lust noch was zu trinken und Diskotheken haben den Vorteil, dass man die unvermeidlichen besoffenen Monologeten besser los wird als in einer Kneipe. Ich meine die Typen, die allein an der Bar sitzen und dich solang anglotzen bis du irgendwann hinschaust. Und dann ist man fällig. Sie hören einfach nicht auf zu reden. Scheißegal, ob man sich über sie lustig macht oder versucht dem Gespräch ein Tränchen Würde unterzumischen, in dem man versucht über irgendein bestimmtes Thema zu reden, und wenn es nur Fußball oder Deep Purple ist. Es ist auch egal ob man etwas sagt oder ob man gar nichts sagt. Der andere hört einfach nicht auf, seine Götterdämmerung in Schwällen wirrer Thesen über dich herabrieseln zu lassen wie Asbeststaub.

Einmal kam ein Ukrainer auf mich zu, ein Koloss, er sah aus als könnte er einhändig Traktoren stemmen oder mit bloßen Armen ganze Kartoffeläcker pflügen. Er trug eine Sporttasche über der Schulter, die sich an ihm so winzig ausnahm wie die Handtasche einer Kolibridame. Er setzte sich neben mich und sagte: „Weißt du, mir geht es gerade scheiße. Meine Frau hat mich rausgeschmissen und ich habe mich mit meiner Mutter gestritten. Ich will mich einfach ein bisschen unterhalten“. Das ist völlig in Ordnung. Ich hör gern zu. Es wurde noch ein lustiger Abend, er hat mir erzählt wie sie früher in der Ukraine den ganzen Tag um Zigaretten gewürfelt haben und dass er dabei immer gewonnen hat. Aber das ist leider die Ausnahme. Die meisten Typen brabbeln einfach wirres Zeug vor sich hin. Und am liebsten gucken sie sich mich als Gesprächsopfer aus. Aber wie gesagt, in einer Diskothek sagt man dann einfach: „Ich muss mal pissen“ und kommt nicht wieder. Also tausche ich die feuchte Kurzjacke gegen ein Jackett, das noch auf der Rücksitzbank meines Autos lag und gehe in den Club. Der Türsteher sieht mir mit hochgezogenen Augenbrauen dabei zu, wie ich die schwere Türe aufziehe. An der Garderobe steht eine junge Brünette mit pinkfarbenen Strähnen. Sie verkauft mir eine Eintrittskarte. Ich stecke mein Wechselgeld ein und will reingehen als sie mir hinterherpiepst: „Äh, und deine Jacke?“

„Was ist denn mit meiner Jacke?“

„Die musst du eigentlich abgeben.“

„Das ist ein Jackett und ich würde es ganz gern anbehalten“, sage ich und gehe rein. Sie blickt hilfesuchend zum Türsteher, der aber gerade mit seiner Gürteltasche beschäftigt ist. Er schaufelt mit seinen Wurstfingern sein I-Phone in die Tasche, was ein bisschen so aussieht als würde er sich gerade am Sack kratzen. Die Hingabe, mit der er in dem Bodybuilder-Handtäschchen rumkramt, deutet darauf hin, dass er sich wirklich dabei an der Nudel spielt. Ich verschwinde also schnell im kleineren der beiden Räume und bestelle an der Bar einen Whiskey-Soda. Die Bedienung greift zu einem Glas, befüllt es mit geübten Bewegungen mit Eis und Whiskey und fängt dann an, etwas ratlos durch die Glastüren der Kühlschränke die Flaschen abzuscannen. „Ich hab gar kein Soda“, sagt sie. Ich zeige auf die Wasserflasche vor ihr und sage: „Soda ist Mineralwasser“. Sie guckt etwas säuerlich, ein bisschen so als hätte sie gerade gemerkt, dass am anderen Ende der Bar ein Mädchen steht, dass das gleiche H&M-Oberteil trägt. Dann macht sie das Glas randvoll mit Wasser. Ich nehme mir vor, ihr erst beim nächsten Mal zu sagen, dass ein kleineres Glas und die Hälfte Wasser es auch getan hätten und bitte sie um eine Scheibe Zitrone. „Hab ich nicht“, sagt sie. Eine harmlose Antwort, die schon sehr bald unangenehme Folgen haben soll für mich.

Ich stelle mich mit meiner Whiskey-Schorle an der anderen Bar an, um den Barkeeper um eine Scheibe Zitrone zu bitten. „Wieso?“, sagt er.

„Weil in einen Whiskey-Soda eine Scheibe Zitrone gehört und deine Kollegin an der anderen Bar keine hatte.“

„Soda ham wir doch gar nicht“

„Doch habt ihr, sonst würde ich ja jetzt keinen Whiskey-Soda in der Hand halten. Soda ist einfach nur Mineralwasser“

„Aha“

„Also könnte ich eine Scheibe Zitrone haben?“

„Nee, die sind abgezählt“

„Soll das ein Scherz sein? Sind die Zitronen hier so teuer oder was? Importiert ihr die selber aus Sizilien. Oder soll ich für die Scheibe extra bezahlen?“

„Du bist wohl ein ganz Kluger, was? Mach hier mal keinen Aufstand, andere Leute wollen auch noch was bestellen.“

Während der Barkeeper mit verschränkten Armen, auf denen in Frakturschrift „La vida loca“ tätowiert ist, genervt den Raum nach anderen Leuten absucht, die auch etwas bestellen wollen, fragt ihn jemand, der ziemlich dicht hinter mir stehen muss: „Gibts hier ein Problem?“

Der Barkeeper deutet mit einem Augenrollen auf mich.

„Nein, hier gibt’s kein Problem. Ich wollte bloß eine Scheibe Zitrone haben, weil es an der anderen Bar keine gibt. Ich wusste ja nicht, dass die Zitronen bei euch so rar sind.“

„Warum hast du eigentlich noch deine Jacke an?“

„Also, das kann doch nicht euer ernst sein. Was ist denn verdammt nochmal verkehrt mit meiner Jacke?“

„Wir haben ein generelles Jackenverbot. Das gilt auch für dich.“

„Das ist ein Jackett. Keine Bomberjacke, kein Mantel. Das musste ich noch nie irgendwo ausziehen, die Regelung habt ihr exklusiv, das ist doch Schwachsinn“

„Gibts hier ein Problem?“ Ein zweiter Türsteher, der mit der Sacktasche, hat die bevorstehende Eskalation der Situation antizipiert und steht dicht hinter mir. Der erste Türsteher deutet mit einem Augenrollen auf mich und verschränkt die Arme. Er hat schwarze Lederhandschuhe an.

„Oh Gott, ja, es gibt ein Problem. Riesenproblem sogar. Es gibt keine Zitrone und ich will mein Jackett nicht ausziehen.“

„Wie viel haben wir denn schon getrunken? Wie siehst du denn überhaupt aus?“ Der Sacktaschenmann deutet auf meine Hose, die bis zum Knie mit rötlichbrauner Erde besprenkelt ist. Die Stiefel sind auch angeschlammt.

„Willst du jetzt behaupten ich bin betrunken, oder was?“

„Ich denke, es ist besser, wenn du jetzt gehst“

„Was? Warum denn? Ich bin noch nicht mal zehn Minuten hier. Ich hab Eintritt bezahlt und ich hab für diesen beschissenen Whiskey-Soda bezahlt. Den trinke ich aus und dann gehe ich von ganz alleine. Ihr seid doch nicht ganz dicht“

Die Situation ist nicht mehr zu retten. Der Drink auch nicht. Die beiden ochsenköpfigen Türsteher mit den Fallschirmjäger-Frisuren packen mich am Arm und eskortieren mich nach draußen. Wo es

sehr ruhig ist. So ruhig, dass man die Grillen zirpen hören kann. Mit 27 also mein erster Rauswurf aus einer Disko. Ich bekomme Appetit auf Sauerbraten.

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Wer ist eigentlich Kai Pflaume oder: eine Nacht in Perugia

Es begann mit einer Albernheit. Einem dieser trunkenen Bekenntnisse, die einem, einmal wieder nüchtern, unangenehm in den Ohren klingeln in ihrer Gesagtheit. Zwar wahr, aber war es nötig das zu erzählen? Jedenfalls: Claudia, die Österreicherin, steht auf David, den Holländer. Und weiß nicht, was er davon hält. Wie sie das denn herausfinden könne?, fragt sie auf dem Weg von ihrer eigenen Geburtstagsparty zum letzten noch geöffneten Club in das schwankende Rund der übrig gebliebenen Begleiterschaft. Die delikate Frage erweckt die Geister der Betäubten und wird bald in aller gebotenen Ernsthaftigkeit mit Vorschlägen und Episoden des eigenen Erfahrungsschatzes zu beantworten versucht.
Als sich jedoch sobald keine adäquate Lösung herauszukristallisieren vermag, gebe ich zu bedenken, der Sache sei nur mit Pragmatismus beizukommen. Sprich: ein Treffen muss arrangiert werden, in ungezwungener Atmosphäre, ein Anlass, der keinen Verdacht erweckt, konstruiert und gleichzeitig die gute Zugänglichkeit zu alkoholischen Getränken gewährleistet werden.
Claudias Anruf am (sehr) späten Donnerstagmorgen lässt vermuten, dass ihr gerade mächtig die Ohren klingeln. Aber zu spät: Ich mache eine Party am Freitag (der Beschluss ist längst nicht mehr aufhebbar), zu der ich David einlade und Claudia wird „zufällig“ auch da sein. Die ersten Gäste sind am Vorabend bereits rekrutiert worden, berichte ich ihr, und die Elite der Geburtstagsgäste von Gestern ist zu einem Klüngel von Komplizen herangewachsen, der wohlwollend die Statistenrolle übernehmen wird. Ana, die Spanierin, mit ihrem Freund Alberto, Anna, die Schwedin und Franziska, Bertolt und Antonia aus Deutschland. Abgemacht!
Ich muss nur noch ein paar Leute einladen, wen ich halt so treffe, damit der Kreis nicht zu intim wird und ein Rückzug in aller Unauffälligkeit möglich sein kann. Abends bin ich bei Mario zu einer Party eingeladen, und er, Felix, Angela, Anne und Maria erklären sich selbstloserweise umgehend bereit, zu kommen. Auf dem Weg zu Mario hatte ich David schon getroffen – wie perfekt, eine zufällige Begegnung mit beiläufiger Einladung – in Begleitung von Silvia, die einzuladen ich sowieso nicht umhin gekommen wäre, da sie mir schon zwei mal ein Bier ausgegeben hatte und immer in unendlicher Geduld meinem italienischen Gestammel die Form eines Gespräches gibt, das sich dann allerdings stets – dies Opfer muss ich wiederum bringen – in Kommunismustheorien verrennt. Damit ist meine Einladungsliste erstmal abgehakt. Natürlich darf auch noch Nike kommen, eine griechische Freundin von Maria, die übers Wochenende zu Besuch kommt.
Freitagvormittag laufe ich den Corso Garibaldi hoch und sehe Halvard, den Norweger, mit seiner Mitbewohnerin. Ich habe ihn erst einmal getroffen, fühle mich also keinesfalls verpflichtet ihn einzuladen, aber da ich mir im Gegenzug die Teilnahme an seinem allsamstäglich veranstalteten sagenumwobenen Barbecue erhoffe, ist auch er dabei, inklusive Mitbewohnerin, versteht sich. Aber nur wenn sie ihre Gitarre zu Hause lässt.
Meine beiden libyschen Mitbewohner Omar und Mammo begegnen dem Vorschlag, wir könnten doch heute eine Party machen mit dem gewohnt nonchalanten Einverständnis. Während es jedoch äußerlich so wirkt, als würden sie sich höchstens darauf gefasst machen, im Falle zu großen Trubels einfach samt PlayStation und Plasmabildschirm ins Hotel zu ziehen, ist seltsamerweise schon kurz nach meiner beiläufigen Bekanntmachung das Bad für die nächsten 4 Stunden ununterbrochen besetzt. Die voraussichtliche Anwesenheit der Bilderbuchschwedin Anna und die Erinnerung der Beiden an den Frauenüberschuss der letzten Party im Hause scheinen mir jedenfalls die wahrscheinlichsten Motive für die fahrlässige Tötung des Fönes zu sein.
Mammo erachtete es als eine Frage des Anstandes auch die beiden Italienerinnen einzuladen, die unter uns wohnen, und Izmail, der 20 Minuten nach Mammos Anruf stark parfümiert vor unserem Haus aus dem Taxi steigt.
Zunächst läuft alles nach Plan. David kommt als Erster, pünktlich um acht, kurz darauf Claudia mit dem spanischen Pärchen, dass ich unter dem Vorwand keine Petersilie mehr zu haben direkt wieder wegschicke…Augenzwinkern…lasst euch Zeit! Alle andern sind ja erst für um neun eingeladen…Da ich dringlich in der Küche benötigt bin, finden sich die beiden prompt allein in meinem Zimmer wieder, beobachtet nur vom Kerzenschein. Nicht ohne Stolz verfolge ich noch kurz den Beginn eines unverfänglichen Gesprächs über ein Bild von Hieronymus Bosch. Jeder, der mein Zimmer betritt, fragt mich zuerst, ob ich denn wisse, aus welchem Jahr dieses faszinierende Gemälde stamme, dessen Repro ich aus der Küche gerettet habe, wo es, teilweise von Fotos des Mercedes SLK AMG von Omar verdeckt, neben der Spüle hing. Natürlich weiß ich es, verweise David aber auf die anwesende Studentin der Kunstgeschichte Claudia und in Gedanken stelle ich mir bereits vor, wie sie in ein paar Jahren die Anekdote ihres Kennenlernens zum Besten geben: „…und dann hat sie mir so wunderbar, so klug als hätte sie sich darauf vorbereitet, von diesem niederländischen Maler erzählt, den ich selbst nicht mal kannte…“
Nach und nach kommen auch alle anderen und der Feiertag in Italien wirkt sich exponentiell auf die Anzahl der Besucher aus. Die Suppe, die ich als Zwischenmahlzeit für den fortgeschrittenen Abend angedacht hatte, erfreut sich bereits größter Beliebtheit, zumindest bei dem Bruchteil der Besucher für den sie reicht. Andere Probleme lösen sich hingegen von ganz allein. Das Fehlen von Stühlen etwa ist inzwischen obsolet, da sowieso kein Platz mehr zum Sitzen ist. Die 50 Plastikbecher (wir haben nur drei Gläser) erweisen sich hingegen schon bald als zu wenige.
Da ich auf meinen eigenen Partys standesgemäß immer am betrunkensten bin, ist es weniger ein Klingeln in den Ohren als viel mehr ein Presslufthammer zwischen denselben, der mir den Anruf am nächsten Morgenmittag erschwert, mit dem ich mich bei Claudia nach dem Erfolg der Mission erkundigen will. Seltsamerweise ertönt gleichzeitig mit dem Freizeichen aus meinem Hörer ein Klingeln ganz in der Nähe, dem ich, über leere Weinflaschen stolpernd, bis zur verschlossenen Tür zum Nebenzimmer folge, das meine Mitbewohner normalerweise nur als Ankleide-, Arbeits- und Gebetsraum nutzen. Ach so, ein Gästebett steht da auch noch.

Perugia, Sommer 2008

Von Übergangsjacken, Zirkusbesuchen, emanzipierten Frauen und was einem sonst noch so im Alltag passiert


April 2010 erschien Martin „Gotti“ Gottschilds erstes Buch „Der Schatz im Silberblick“, das ihm direkt prominente Vergleiche mit Autoren wie Florian Illies und Max Goldt einbrachte („taz“ und „intro“). Am 5. Mai startet Gottschild eine Lesetour in Chemnitz, wobei man es eigentlich umgekehrt beschreiben müsste, denn es ist weniger die Lesetour zum Buch, als das Buch zur Lesetour. Mit dem Programm „Tiere streicheln Menschen“ hat sich Gottschild gemeinsam mit seinem Partner Sven van Thom bereits einen Namen gemacht: Die „Action- Lesungen“ im Berliner Roten Salon sind berühmt-berüchtigt, eine Mischung aus aberwitzigen Kurzgeschichten, fiktiven Diavorträgen und musikalischen Einlagen von Sven van Thom. Für die „Freie Presse“ sprach Christian Gesellmann mit dem 33-jährigen Autor aus Berlin.

Was erwartet den Besucher bei deiner Actio-Lesung?
Martin Gottschild: Na, im Wesentlichen erzähle ich Geschichten, oft mit tagesaktuellem Bezug, aber auch über die Liebe. Oder Übergangsjacken, Zirkusbesuche oder emanzipierte Frauen, alles was einem so im Alltag begegnet. Und zwischendurch macht Sven van Thom Musik. Und es gibt auch regelmäßig Pausen zum Rauchen und Trinken, das ist ja auch immer wichtig.

Wenn wir gerad bei tagesaktuellen Themen sind: Darf man sich über den Tod von Osama bin Laden freuen?
Martin Gottschild: Kommt auf die Erziehung an! Naja, ich finde es ja generell sehr eigenartig, worauf die Leute so abgehen. Ich hätte die Freude vielleicht noch verstanden, wenn das ein halbes Jahr nach den Anschlägen gewesen wär, dann hätte ich das noch eher nachvollziehen können, aber so finde ich das ziemlich schäbig und traurig ehrlich gesagt. Also nicht das er jetzt gestorben ist, sondern diese Party-Stimmung.

Stimmt es, dass du mal DDR-Meister im Bogenschießen warst?
Martin Gottschild: Ja, da war ich so zwölf, dreizehn. Aber dann hab ich noch die Kurve gekriegt und hab Abi gemacht wie sich das gehört, und wollte dann aber nicht studieren, weil ich Schule schon so unglaublich anstrengend fand und hab dann erst mal eine Lehre als Einzelhandelskaufmann bei einem Musikalienhändler gemacht. Seitdem hab ich eigentlich nie mehr so richtig einen Job gehabt, hab einfach ganz viel Musik gemacht. Inzwischen komme ich auch ganz gut über die Runden mit Musik und Lesungen – ich meine, ich hab auch bescheidene Ansprüche, das möchte dazu sagen, aber momentan kann davon leben. Gut, vor drei Jahren, als ich allerdings noch nichts von der Verschrottungsprämie wusste, hab ich mein Auto verschrotten lassen, und seitdem bin ich finanziell praktisch aufgeblüht. Und so lang es keine Autos mit vernünftiger Stoßstange gibt, werde ich mir auch keins mehr holen.

Warum, bist du so ein schlechter Autofahrer?
Nee, das geht. Also, ich hatte auch schon mal ein paar Unfälle aber alles eher bescheiden – nur das macht‘s ja umso ärgerlicher, dass man wegen einer Sache, die in einer Sekunde passiert, sich zwei, drei Stunden seines Lebens aus dem Knie leiern muss und zur Werkstatt fahren und so, alles nur weil da ein Kratzer an der Stoßstange ist, das finde ich irgendwie anstrengend.

Dein erster Erfolg war dann „Liebficken“ mit der Band Sofaplanet, auch schon zusammen mit Sven van Thom…
Martin Gottschild: Ja, wir kennen uns wohl jetzt schon so 15 Jahre. Sven wurde übrigens früher der Glöckner von Stolzenhagen genannt. Am Anfang waren wir eigentlich eher Konkurrenten, weil wir jeweils mit unseren eigenen Bands auf den Festivals unterwegs waren. Aber mittlerweile kann man wohl sagen, wir sind befreundet.

Tiere streicheln Menschen war schon zu Gast bei MTV HOME, Quatsch Comedy Club, Nightwash, KEN FM, im Roten Salon der Volksbühne Berlin, bei den Surfpoeten, Thüringer Satiretheater, Schaubühne Berlin, Admiralspalast, Poetengeflüster Dresden, LSD, Chaussee der Enthusiasten, FRITZ- Nacht der Talente, und jeden zweiten Freitag zwischen 16 und 18 Uhr auf 100,6 MOTOR FM! („Thank Gotti it´s Friday!“- die Drei-Minuten-Lesung).

http://tierestreichelnmenschen.de

Dunkel, glitzernd und melodisch

Interview für die Freie Presse mit dem kanadischen Duo Terror Bird, das in der fantastischen Beta-Bar in Chemnitz gastierte

Düstere und melancholische Texte, vorgetragen von der verschwörerisch schönen Stimme von Nikki Nevver, treffen auf zuckersüße Melodien: Terror Bird ruft Erinnerungen an Dark/New Wave Pop und den Glam und Glimmer der 80er Jahre wach, von Kate Bush über Human League bis Philipp Glass, ohne deshalb zu nostalgisch zu wirken – ihre Klangkulisse ist definitiv die Großstadt von heute. Kein Wunder, dass sich das Ehepaar aus Vancouver derzeit ziemlich wohl fühlt in Berlin, dort haben sie sich für drei Monate eine Wohnung in Neukölln als Basis für eine ganz große kleine Deutschland-Tour gemietet.
Seit auf einer Synth Wave Compilation des Plattenlabels Rough Trade das wunderschöne, engelsflötend apokalyptische Lied Shadows in the Halls erschien, gelten Terror Bird als „die hipste und traurigste Band Nordamerikas“ (Prinz).
Terror Bird ist das Projekt von Nikki Nevver, Sängerin und Synthiespielerin (sonst bei den Modern Creatures), und Jeremiah Haywood, Schlagzeuger (Twin Crystals).

Im Interview mit Christian Gesellmann verrät Nikki Nevver einiges über ihr Leben auf Tour und ihre schaurigen Inspirationen

Freie Presse: Nikki, du bist erst 25 und hast schon mehr als Hundert Lieder geschrieben. Woher nimmst du die Inspiration?
Nikki Never: Oh , viel Langeweile (lacht). Und ich schreibe oft über Dinge, die mir Angst machen oder über die ich mir Sorgen mache. Was scheinbar ziemlich oft vorkommt. Und David Bowie: diese Alienhaftigkeit, die schöne Stimme und gleichzeitig hat er etwas Schauriges – das ist so das Spannungsfeld, das mich inspiriert.

Du bist jetzt fast drei Monate lang auf Tournee – reicht es dir nicht langsam?
Ja, doch, irgendwie ist es natürlich nicht so gesund, dauerhaft in so vielen Bars rumzuhängen. Und ein bisschen freue ich mich auch wieder auf Vancouver, wo ich mit meinem Mann wieder in das Haus ziehen werde, in dem wir vorher gewohnt haben. Dort warten auch schon unser Mitbewohner und unsere Katze auf uns. Aber wir sind auch nicht die ganze Zeit am Touren. Wir haben uns eine Wohnung in Neukölln gemietet. Zur Zeit zahlen wir also zweimal Miete, scheiße!

Kann man Berlin und Vancouver eigentlich vergleichen?
Ja, sie haben viele Gemeinsamkeiten, beide sind multikulturell und international. Aber Berlin gefällt mir irgendwie besser. Es sieht besser aus, durch die vielen alten Gebäude.

Was wirst du tun, wenn du zurück in Vancouver bist?
Ich werde weiter Psychologie studieren, ich wollte schon immer Psychologin werden. Aber das habe ich nicht immer gewusst, früher habe ich erst Journalismus und dann Film studiert. Es interessiert mich einfach, wie der Mensch funktioniert, das seltsame Gehirn, die Gefühle und sowas. Und natürlich will ich noch ein paar hübsche Platten machen, wenn ich zurück bin.

Wie ist es, mit dem Ehemann auf Tour zu gehen? Wie wichtig ist er für deine Musik?
Die Gefahr ist natürlich groß, dass man sich etwas auf die Nerven geht, wenn man einfach alles zusammen macht. Aber bis jetzt kriegen wir das ganz gut hin und irgendwie verbindet einen das natürlich auch. Musikalisch hat er etwas zu leiden, denn ich hab ihn dazu gezwungen auf einem kleinen Keyboard zu spielen. Eigentlich ist Jerry ja Schlagzeuger (bei den Twin Crystals), aber dazu ist er auf unserer Tour noch nicht so oft gekommen…

Am Freitag, den 15. April ist das Duo zu Gast in der Chemnitzer Beta-Bar, Brühl 24. Beginn ist pünktlich 22 Uhr, der Eintritt kostet sechs Euro.

Perspektive Nationalstolz

Rund drei Milliarden Euro hat die Europäische Union bisher in den Aufbau der Republik Kosovo gesteckt. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Wenn man in Prishtina aus dem Flugzeug steigt und über die Rollbahn in die Abfertigungshalle läuft, passiert man ein kleines Propellerflugzeug in den frisch designten Landesfarben blau und gelb, auf dem steht: „Recognize the Independency oft he Republic Kosovo!“ Die fehlende Anerkennung des Großteils der Staatenwelt (aktuell haben 73 von 192 UN-Mitgliedern die Unabhängigkeit anerkannt) sitzt den Kosovaren wie ein Stachel im Fleisch. Und so kommt es schon mal vor, dass ein kosovarischer Parlamentarier seinen Urlaub in den Dienst des Staates stellt, um mit einer neuen Anerkennung aus der Karibik heimzukehren. Ein weiterer Dorn ist die europäische Perspektive.


Der Minister für Europäische Integration der Republik Kosovo, Besim Beqaj, stellte bei einem Gespräch im Parlament die europäische Perspektive des Kosovo als ein herausragendes Ziel dar – in eindringlichen Worten mahnte er die internationale Gemeinschaft, und damit vor allem die Europäische Union, weiterhin in das kleine Land auf dem Balkan zu investieren, das im Februar 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt hatte. Wichtige Etappenziele seien die Visaliberalisierung und der Abschluss von Freihandelsabkommen. In diesem Zusammenhang wies er auch darauf hin, dass die genannten Privilegien Serbien bereits gewährt wurden, was in der Bevölkerung als Ungerechtigkeit empfunden werde.

„Der Weg für das Kosovo in die EU ist noch sehr weit“
Die Äußerungen des Ministers werden von fast allen Gesprächspartnern immer wieder wiederholt. „Der Weg für das Kosovo in die EU ist noch sehr sehr weit“, lautet hingegen die (inoffizielle) Einschätzung eines Mitarbeiters im Verbindungsbüro der Europäischen Kommission in Prishtina. Und das, obwohl die Vereinbarkeit der Gesetzesbestandes mit dem Acquis Communitaire der EU von Anfang an bedacht wurde. Tatsächlich wird in dem kleinen Staat aber so gut wie nichts produziert, eine Wirtschaft ist praktisch nicht vorhanden. Mit 1840 Euro lag das Bruttoinlandsprodukt, pro Kopf gerechnet, hinter den Werten von Staaten wie Ägypten oder der Republik Kongo. Immer noch leben viele Menschen vor allem von Unterhaltszahlungen emigrierter Angehöriger in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Allein in der BRD leben derzeit zwischen 200 000 und 300 000 Kosovoalbaner dauerhaft. Die Armut in den ländlichen Regionen ist schockierend. Nach Schätzungen der Weltbank lebt mehr als die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze.
Der Publizist und Philosoph Shkelzen Maliqi weist auf die absehbaren negativen Folgen einer vorzeitigen Annäherung an die EU hin: die wegbrechenden Zolleinnahmen würden einen wichtigen Teil des Bruttoinlandproduktes herschenken, denen keine nennenswerten Exporte gegenüber stünden. Zudem könnte eine Visaliberalisierung eine massenhafte Ausreise von Jugendlichen zur Folge haben, die bei einer geschätzten Jugendarbeitslosigkeit von 80 Prozent keine Perspektive im eigenen Land sehen.
Die Mitglieder der Jungen Europäischen Föderalisten Kosovo bezeichnen die Hoffnung auf größere Reisefreiheit als ihr wichtigstes Anliegen. Sie stehen beispielhaft für die schmale Schicht hervorragend ausgebildeter junger Menschen, die nach Prishtina zurückgekehrt sind und nun meist für die zahlreich vertretenen internationalen Organisationen arbeiten, als Dolmetscher oder Berater. Ihre Zukunft ist gefährdet – es ist zweifelhaft, ob ihre Jobs, genauso wie das mondäne Nachtleben der Hauptstadt, erhalten bleiben, wenn die „Internationals“ einmal wieder abziehen. „Wir dürfen praktisch nirgendwohin, außer nach Albanien oder in die Türkei. Mal eben ins Ausland für ein Auslandssemester oder auch nur in den Urlaub? Es ist eine Tortur, ein Visum zu bekommen, sehr teuer und oft von der Willkür der Beamten abhängig“, berichtet Fis Mula, Präsident der JEF Kosovo.

„Auch ausländische Diplomaten machen einen guten Schnitt“
Bei der praktisch ungehemmten Korruption im Land und der politischen Elite könne man auch nicht gerade von einem guten Investitionsklima für ausländische Unternehmen sprechen, schildert der Journalist Avni Zogiani. „Jeder weiß, dass Präsident Thaci Dreck am Stecken hat. Aber auch ausländische Diplomaten machen hier einen guten Schnitt, ohne dass dabei ein Mehrwert für die kosovarische Bevölkerung entsteht“, berichtet Zogiani weiter und nannte unter anderem den amerikanischen Botschafter als einen offensichtlich korrupten Agenten seiner eigenen Wirtschaftsinteressen. Zogiani ist einer der ganz wenigen, die sich trauen, öffentlich die Korruption im Land anzuprangern. Der Preis dafür ist hoch: „Ich werde regelmäßig massiv bedroht. Die Angst gehört inzwischen zu meinem Leben.“
Ein Besuch in Mitrovica in der Problemregion Nordkosovo macht weitere Defizite deutlich. Mit gebührendem Sarkasmus führt ein Vertreter der EU-Mission EULEX, bislang das größte außenpolitische Projekt der EU, durch die ethnisch geteilte Stadt und offenbart dabei nicht ganz freiwillig die unzureichende Ausstattung der Mission, der kosovarischen Polizei und der praktisch nicht vorhandenen Justiz. Weiterhin blüht die Organisierte Kriminalität im quasi rechtsfreien Grenzgebiet zu Serbien. Obwohl flächenmäßig nicht größer als Hessen und trotz der massiven Präsenz von NATO, EU und Vereinten Nationen ist das Kosovo auch 12 Jahre nach Ende des Krieges einer der zentralen Umschlagplätze für den Frauenhandel und Opiate aus Afghanistan. Die immensen finanziellen Zuschüsse der EU, die sich Ende 2010 auf mehr als drei Milliarden Euro summierten, haben bisher vor allem deshalb geringe Effekte erzielt, weil die Maßnahmen zu wenig an die Bedingungen und Gegebenheiten vor Ort angepasst wurden und es an einer klar konzipierten und konsistenten Wirtschaftsstrategie bis heute mangelt.
„Die größte Ressource im Land ist wahrscheinlich der Nationalstolz“, bemerkt Professor Arben Hajrullahu von der Universität Prishtina, die seit ihrer Gründung 1972 Partneruniversität der Uni Jena ist.

Münster

Spreche im Schrank zum Engel:
Luder, frag den Himmel Dank
Und reich der Nacht die Hand!
Vergeb des Gelächter Mängel.

Würde ist der Träne fahle Farbe,
Ihr Schatten leis mein Herz bewohnt.
Flieg vorweg, dort ist mein Mond –
In tiefen Kratern schluchzt sein Barde,

Gärt die herbstfaulschwarze Frucht.
Pflück sie gleich!
Der Blüte schmerzenssüße Sucht,
Trink sie reich

Die Konrad-Box

Straßenfest auf der Oberbaumbrücke in Berlin. Man schlendert von Stand zu Stand, das Kinn fachmännisch auf den Handballen gestützt, Bilder werden ausgestellt, die Künstler erklären, man diskutiert über Ästhetik, den Kunstbetrieb, das Künstlerleben, Inspiration, Krise, die Künstler, Künstlerprobleme und Kunst.
Da wird es dem kleinen Konrad zu bunt: das Volumen seiner winzigen einjährigen Lungen generiert einen schrill scheppernden Schrei, ein reiner Lustschrei, markerschütternd hoch: „Hallo, Action jetzt hier, los!!!“ Eine mittelalte Dame, die genau im Schalltrichter des Kindes stand, entstöpselt sich wieder, schüttelt den Schreck aus ihrem Cocktailkeid und dreht sich zu Konrad um, der bei seiner Mutter auf den Arm lümmelt. Nach einem tiefen Seufzer sagt sie: „Ach Kind – du unblockiertes Wesen!“
Wie wahr, denke ich. Ich meine, ich hätte gleich mehrere Gründe, lauthals zu schreien – aber würde ich es auf dieser Brücke voller Menschen tun? Sicher nicht. Irgendwo anders in der Öffentlichkeit? Nö! Ich vergrabe meinen seelischen Ballast lieber ganz tief. Ich würde es nicht mal zu Hause tun. Dabei ist es so unglaublich befreiend. Natürlich löst das keine Probleme. Andererseits: hat jemand schon mal bedröppelte Fressen beim Wacken gesehen? Egal wie martialisch die Metallköppe auch meist aussehen – ich hab noch nie einen getroffen, der „privat“ nicht lammfromm und ausgeglichen wirkte (Metallica-Sänger James Hetfield zum Beispiel: Inzwischen glücklicher Familienvater, der mit Obstschale auf dem Schoß nach dem Konzert zur Familie jettet). Sie brüllen sich halt samstags mal ordentlich den Staub der Woche von der Seele. Der Gegenbeweis für die Notwendigkeit emotionaler Befreiung durch hemmungsloses Schreien, Brüllen, Quietschen sind die Schnulzensänger. Die abgekanzeltsten Typen im ganzen Musikgeschäft verdienen ihr Brot mit Schlager, Pop und Soul. Selbstbetrug durch Süßholzraspeln, der nicht selten in Alkoholismus oder sogar Selbstmord mündet. Nur ein paar Beispiele: Rex Gildo, Matthias Reim, David Hasselhoff, Marvin Gaye, Dean Reed, Whitney Houston, Hartmut Engler, Roy Black,…
Wenn man sich das Heulen verkneift, kriegt man auch nur einen Kloß im Hals, dieses ekelhafte Gefühl, das einem die Kehle abschnürt – also rauslassen! Andererseits ist die Vorstellung, dass jeder an Ort und Stelle seinen Frust rausschreit, oder seine Lebenslust oder seine Geilheit oder was auch immer, ziemlich beängstigend. Man stelle sich nur mal die Schlange im Netto vor, an einem Freitagabend. Was für eine Fanfare des Leidens, eine Kakophonie aus dem Gezeter wartender Last-Minute-Shopper vor der Kasse, Pfandjäger an blockierten Rücknahmeautomaten, die Billigbier- und Weinbrandfraktion, denen eh schon der Schädel glüht, die genervten Eltern, ganz zu schweigen von den supergenervten Kassiererinnen, wenn sie mal wieder für ne Storno nach der Chefin klingeln müssen, die gerade heimlich die Bänder der Überwachungskamera im Umkleideraum kontrollieren wollte.
Oder Bahnhöfe. Arbeitsämter, Arztpraxen, Billigfluglinien. Ohne Gehörschutz nicht mehr betretbar.
Fazit: Schreien ist gut für die Psyche, aber schlecht für die öffentliche Ordnung. Damit der postmaterialistische Mensch dennoch seine seelische Balance im Alltag erhalten kann, brauchen wir demzufolge Schreiboxen. Kleine schalldichte Räume, die man bei Bedarf aufsuchen kann. Vielleicht noch mit einer Tret- oder Trommeloption. Ich schlage vor, wir nennen sie Konrad-Box. Robert Kummer

Wenn es sticht im Hals - einfach rausschreien!