Stundenlauf

Kummer läuft neuerdings nachts stundenlang durch Zwickau. Einfach so. Es ist so seine Art Zeitvertreib, wenn ihm die Welt zu klein wird. Zu Fuß erscheint sie größer. „Wie wenn man Erde unter dem Mikroskop betrachtet“, sagt er. Das hat er mal in einer Doku über Weinanbau auf Arte gesehen. Der Haufen braunschwarzer klumpiger Dreckbröckchen, der wie tote Materie auf der schwieligen Hand des Winzers lag, entpuppte sich unter der Vergrößerungslinse als ein Biotop mit tausenden Lebewesen, mit Springschwänzen, Tausendfüßern, Schnecken, Faden-, Regen- und Ringelwürmern, Ameisen, Milben, Aufguss-, Geißel- und Wimpertierchen und so weiter. Für die Winzer ist es wichtig, dass der Boden möglichst viel Leben enthält, weil die Tierchen die Erde auflockern. Dadurch kann der Regen zu den Wurzeln der Reben durchsickern.

So läuft Kummer nun also nachts mit dem Mikroskop durch Zwickau, um nach Leben am Boden zu suchen, irgendwo zwischen Fernblick und Eckersbacher Höhe, Weißenborner Wald und Wendeschleife Neuplanitz, wenn der letzte Rewe geschlossen und die Bürgersteige hochgeklappt sind.

Kummer war zehn Jahre lang nicht in Zwickau gewesen und ist dann wieder hergezogen. Er hat einen Job als Reporter bei der Lokalzeitung angenommen, befristet für ein Jahr als Schwangerschaftsvertretung. Als erstes fiel ihm auf, dass die Stadt so viel sauberer ist als früher, als man sich den Ruß von den Wangen waschen musste, wenn man durch den Olzmanntunnel gelaufen ist. Und dass die Autos neuer und größer geworden sind. Wenn man in den 90ern von München nach Zwickau fuhr, wurden die Autos an jeder Raststätte Richtung Nordosten ein bisschen kleiner und älter. Dafür hatten sie mehr Aufkleber auf den Stoßstangen. Meist mit dämlichen Sprüchen wie: „Wenn du so bumst wie du einparkst, kriegst du ihn nie rein“ oder mit Werbung, Radio PSR oder RTL. Heute sieht man in Zwickau selten noch Autos, die älter als zehn Jahre sind.

Dann fiel Kummer noch auf, dass es die Punks am Georgenplatz nicht mehr gibt. Und der Rossmann, in dem er das erste Mal beim Klauen erwischt wurde, jetzt eine Bankfiliale ist. Damals war er 13, er hatte in der Frühstückspause einen Trolli-Burger für 99 Pfennig eingesteckt und die Polizei holte ihn mit einem Streifenwagen ab. Es war wahnsinnig peinlich, und wenn ihn irgendjemand mit den Bullen gesehen hätte, hätte er sich eine Ausrede einfallen lassen. Es sah ihn aber niemand. Er musste auf die Wache Am Alten Steinweg. Später musste er noch 100 DM Strafe bezahlen. Und die Polizistin bestand darauf, dass Kummer seinen Vater anrief, um ihn abzuholen. Das war das dümmste von allen. Sein Vater kam, fragte, was los ist. Kummer sagte: „Ich bin beim Klauen erwischt worden.“ „Und jetzt?“, fragte sein Vater.

„Naja, ich hab noch Unterricht.“

„Da muss ich dich doch nicht hinfahren.“

„Nö, ich lauf’“

„Warum sollte ich denn dann herkommen?“

„Weiß ich nicht. Die haben gesagt, ich soll dich anrufen.“

„Hmm.“

„Ok, ich geh dann mal.“

„Ist gut“, sagte sein Vater. Er war gar nicht böse. Er schien eher Mitleid zu haben. Oder Mitgefühl. Er hat das Thema auch nie wieder angesprochen. Kummer war seinem Vater sehr dankbar dafür. Es hätte sowieso nichts geändert. Und Kummer wusste, dass seine Eltern genug eigene Probleme haben, er wollte ihnen nicht zur Last fallen. Das war einer der Hauptgründe, warum er sich in der Schule anstrengte. So lange die Zeugnisse gut ausfielen, stellte niemand Fragen.

Da war noch etwas, das Kummer auffiel an Zwickau: Die Stadt kam ihm nun so klein vor. Nach zehn Jahren in verschiedenen Großstädten, wirkte nun alles so miniaturmäßig. Als wäre es bloß ein maßstabgetreues Modell der Stadt, so etwa 1:3 oder 1:4. Es belustigte ihn nun etwas, dass er sich als Jugendlicher immer für ein Großstadtkind hielt. Damals hing Kummer meist in Neuplanitz ab. Eckersbach, Pölbitz, Marienthal – das waren wie eigene Städte, mit jeweils anderer Klientel, anderen Cliquen. Die Plätze seiner Jugend waren kaputte Abenteuerspielplätze, verlassene Fahrübungsplätze, versteckte Teiche, in denen alte Reifen und Fässer und Fahrräder schwammen, die Parkplätze von Speditionen, leer stehende Fabriken, Wäscheplätze, Gartenlauben, Fernwärmeleitungen und der Kollektor, ein dunkles, modriges Tunnelsystem, das unter den Neubaublöcken verläuft, in das man über Schächte einsteigen konnte, die mit Gullydeckeln verschlossen waren.

Jeder Stadtteil war eine ganz andere handvoll Erde, ein eigenes Biotop, mit Tausenden Tierchen in einer schwieligen Hand. In Neuplanitz waren die Hip-Hopper und Nazis, in Eckersbach die Atlantis-Gang und die Russen, in Pölbitz die Technoleute, in Marienthal die Bräuer-Brüder und ansonsten vor allem Rentner. So kam es Kummer zumindest damals vor.

Dabei kann man fast jeden Punkt der Stadt in 45 Minuten zu Fuß erreichen. Und nachts sieht man nur noch eine Clique auf der Straße. Die Kristaller. Kummer hat in den letzten Wochen viele Freunde von früher wieder getroffen, die hängen geblieben sind, die mit großen Fahrrädern durch die Nacht heizen, mit Geldkarten und Schraubenziehern an Wohnungstüren rumfummeln, die mit schwarzen Zähnen gestehen: Ich bin drauf. Dabei hat er sie gar nichts gefragt. Hat sie kaum erkannt hinter ihren Crystal-Masken. Manche sah er im Gerichtssaal wieder. Kummer als Reporter. Die alten Freunde auf der Anklagebank. Justizangestellte kontrollierten seine Handfläche, wenn er seine überraschten Kumpel mit Handschlag grüßte. Einer war schlafend in einem Wohnwagen gefunden worden, in den er zuvor eingebrochen war. Ein anderer hatte geklaute Fahrräder gegen Crystal getauscht. Ein dritter mit geklauten Ausweisen Handyverträge abgeschlossen. Es schien ihnen nicht peinlich zu sein, Kummer wieder zu treffen. Sie hatten schon diesen Therapiesprech drauf, sagte Sachen wie: “Nach dem Entzug bin ich raus aus Zwickau, dann fang ich ein neues Leben an. Ich hab einen Job in Aussicht, das ist jetzt erstmal das wichtigste.” Und zwei Wochen posten sie morgens um 5 auf ihrer Facebook-Timeline: “Fahr heute Nachmittag nach Berlin. Bin noch bis 15 Uhr erreichbar, falls jemand was von mir will” oder “Noch irgend jemand wach in dieser scheiß Stadt?”

Eines Nachts läuft Kummer gerade die Kopernikusstraße entlang, unter dem Bahnviadukt hindurch, als ihm auf der anderen Straßenseite ein Mann mit einem Handwagen entgegenkommt. Ein dürrer Typ, der in etwa 100 Meter Entfernung in eine Tordurchfahrt einbiegt. Der Handwagen schlägt an der Schwelle zum Hinterhof eines Backsteinhauses auf, und Kummer sieht, wie zwei Beine leblos im Takt baumeln. Er ist schon an dem Haus vorbeigegangen, aber kehrt dann wieder um. „Bevor ich mich jetzt die ganze Nacht frage, was da los ist“, sagt er sich, „geh ich lieber mal hin und seh nach.“

Kummer überquert die Straße, geht durch die Tordurchfahrt, und als das klackernde Echo seiner Schuhe auf dem Kopfsteinpflaster des Hinterhofs zu hören ist, blendet ihn der dürre Typ mit der Taschenlampe ins Gesicht. In einer Hand hat er den Hausschlüssel. Der zweirädrige Handwagen steht angekippt vor ihm, die Deichsel ragt nach oben. Im Wagen liegt ein stämmiger Mann, die Beine liegen auf dem Boden, sein Kopf hängt hinten über den Rand des Wagens. Der dürre Typ sagt nichts und leuchtet Kummer weiter mit der Taschenlampe ins Gesicht, so dass der ihn nicht sehen kann.

„Da hast du dir ja ganz schön was vorgenommen“, sagt Kummer. „Kriegst du den allein die Treppen hoch, oder soll ich dir helfen?“

„Nee, krieg ich selber hin“, sagt der dürre Typ, und richtet die Taschenlampe zu Boden. Er ist etwa 1,70 m groß, vielleicht 55 Kilo schwer, trägt ein Fusselbärtchen am Kinn, ein Basecap, Jeans, Tunnel und einen Kapuzenpulli.

„Sicher? Ich mein, ich kann mit Anfassen, geht doch leichter.“

„Man, ich mach die Scheiße dreimal die Woche. Solche Freunde braucht mer, echt. Ich hab drei Kinder daheem, und ständig muss ich den besoffenen Typ in seine Bude schleppen. Ich krieg das schon hin.“

„Tja, OK. Er lebt aber noch, oder?“

Der dürre Typ tritt auf einmal mit aller Wucht auf das Schienbein seines Freundes, das ausgestreckt auf dem Boden liegt. Daraufhin rollt dieser den Kopf nach oben und versucht die Augen zu öffnen. Sie drehen sich irre nach Innen, bis nur noch Weiß zu sehen ist. Er schafft es nicht, einen der beiden Männer zu fokussieren und lässt den Kopf wieder nach hinten fallen.

„Mit den Augen rollen kannst du daheeme“, sagt der dürre Typ und tritt ihm noch einmal auf das Schienbein. „Das kommt davon, wenn man zu viel trinken tut“, erklärt er Kummer.

„Ja, scheint ganz schön geladen zu haben, dein Freund. Dabei ist doch morgen erst Männertag.“

„Ach, bei dem ist immer Männertag.“

„Glück für ihn, dass er einen Freund wie dich hat.“

„Ich kann ihn ja schlecht einfach liegen lassen. Weißt ja nie, wer ihn findet. Aber es nervt. Jede Woche die selbe Scheiße. Meine Alte denkt schon, ich hab was mit dem am Laufen, weil ich so oft mit ihm unterwegs bin und dann zu fertig bin, ums ihr noch zu machen. Willst du sie mal sehen?“

„Wen?“

„Meine Alte. Sieht gut aus. Du bist doch auch ein ganz hübscher Typ. Magst du Sex?“

„Ja, mal mehr, mal weniger“

„Ich hab übelst gern Sex. Meine Alte will es jeden Tag, ich muss gar nichts machen, die ist immer scharf drauf.“

Der dürre Typ zieht sein Portemonnaie aus der Arschtasche und holt eine Art Visitenkarte hervor. Er hält sie Kummer hin und leuchtet mit der Taschenlampe darauf. Auf der Karte sind zwei kleine Fotos, die eine nackte, dünne, blasse Frau zeigen, einmal von hinten über ein Bett gebeugt, dass mit gelber Bettwäsche mit blauen und roten Punkten bezogen ist. Auf dem anderen Foto sitzt die Frau im Schneidersitz auf dem Bett und hebt ihre kleinen Brüste an. Es ist eine schlechte Aufnahme, mit Blitzlicht gemacht. Die Frau hat schwarze Haare und ungefähr den selben irren Blick wie der Mann im Handwagen, der wieder in sein Koma zurück verfallen ist. Sie könnte 17 sein, aber auch 30. Während Kummer das Kärtchen betrachtet, zieht ein Wind auf, der Regen ankündigt.

„Und, scharf, oder? Was sagst du, gefällt sie dir?“, fragt der dürre Typ, der nun fast Schulter an Schulter mit Kummer steht, und so stolz auf die Karte guckt, als würde es das Ultraschallbild eines Mutterleibes zeigen.

„Naja, man kann ja nicht so viel auf dem Foto erkennen, aber sie ist bestimmt eine hübsche Frau.“

„Ach, die ist ein richtiges Luder. Ist mir manchmal fast zuviel. Weißt du was? Du bist doch ein hübscher Typ, willst du es nicht mal mit ihr machen? Ich würd‘ gern mal zugucken, wie sie es mit einem anderen macht.“

„Hast du nicht gesagt, ihr habt drei Kinder?“

„Nee, ich hab drei Kinder.“

„Naja, nix für ungut, aber ich glaub, das ist nix für mich. Ich muss dann auch mal weiter, bevor es richtig anfängt zu regnen. Sicher, dass du keine Hilfe brauchst mit deinem Freund da?“

Der dürre Typ schaut in den schwarzen Himmel, von dem jetzt die ersten dicken Tropfen fallen, dann holt er seinen Schlüsselbund aus der Hosentasche.

„Nee, lass mal gut sein. Mit dem mach ich heute mal kurzen Prozess“

„Will ich wissen, was das heißt?“, fragt Kummer und reicht ihm die Hand zum Abschied.

„Das heißt Garage”, sagt er. Dann schließt er einen Schuppen im Hinterhof auf, und schiebt den Handwagen hinein. Und während der Regen einsetzt, ruft er Kummer hinterher: “Tschüß. Einen schönen Abend noch.”

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