Walters wilde Wiese

Oder: Was wir von Odysseus lernen können

Walter und Inge Jens waren vielleicht nicht so ein cooles Paar wie Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Aber scheiße, französische Existenzialisten, die für die freie Liebe sind und bei Studentenprotesten reden auf Autodächern halten – da kann man sowieso nicht mithalten. Ich mein, Sartre galt als sexy. Hat den schon mal jemand gesehen? Gegen diesen glupschäugigen Großneffen Albert Schweizers ist selbst Jürgen Klopp noch ein Adonis.

ingeundwalter

Womit wir wieder bei Familie Jens wären. Die waren nämlich Philologen. In Tübingen. Schwerpunkt griechische Mythologie. Klingt nach Strickpullunder. Ist aber trotzdem sexy, finde ich, denn wie die beiden zusammen aufgetreten sind, das hatte was. Sie haben zusammen Bücher geschrieben und waren dennoch unabhängige Denker, die oft gestritten haben. Weil sie sich gern argumentativ am anderen abgerieben haben, um aus dem Basalt zweier Ideen schließlich eine geschliffene Idee herauszuarbeiten.

Nun könnte man sich vorstellen, dass Walter und Inge Jens die Art von Paar sind, die sich sonst nicht viel zu sagen gehabt haben. Blindes Einverständnis, ein Herz und eine Seele, der Deckel zum Topf, er holt die Zeitung, sie die Pantoffeln. Die Art von Beziehung, von der viele träumen, bis sie merken, dass sie mitten drin stecken und sich zu Tode langweilen und dann  mit Nordic Walking anfangen.

Aber gestern habe ich in Walter Jens‘ Kurzgeschichte „Testament des Odysseus“ gelesen, wie dieser antike Irrfahrer seine Ehe mit Penelope wie folgt beschreibt: „Wir kannte keine Geheimnisse. Wir waren Freunde, die sich achteten und einander vertrauten, aber wir hüteten uns, den Abstand zwischen uns zu verringern. Wir wurden Verbündete, aber wir waren niemals ein Paar. Wir wußten, dass wir beide, um leben zu können, die Fremdheit des Ungewohnten brauchten.“

Das ist es doch, oder?! Die Fremdheit des Ungewohnten. Wenn das Gras auf der anderen Seite immer grüner ist, gibt es drei Handlungsoptionen: Nicht mehr auf die andere Seite gucken, um sich nicht zu ärgern. Oder: Das Grün auf der anderen Seite als Blau bezeichnen und sich aus der Realität verabschieden. Oder: Man springt immer mal auf die andere Seite und freut sich wieder auf das alte Grün.

Mehr:

http://www.sueddeutsche.de/kultur/inge-jens-ueber-walter-jens-er-ist-nicht-mehr-mein-mann-1.277242

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