Sauerbraten und Zitronen oder: Wie Robert Kummer zum ersten Mal aus einer Disko flog

„Gibts hier ein Problem?“

Immer wenn ich durch ein Feld laufe, muss ich an Werner denken, den Motorradfreak aus dem Brösel-Comic, und seinen herrlich unschuldigen Anarchismus: „Wir trampeln durchs Getreide, wir trampeln durch die Saat, hurra wir verblöden, für uns bezahlt der Staat!“ Vielleicht ist er gar kein Anarchist, wahrscheinlich schlagen die Soziologen jetzt die Hände über dem Kopf zusammen, ist aber auch egal. Ich laufe jedenfalls gerade durch ein Feld. Ich glaube, die kleinen grünen Stängel sollen mal Mais werden. Ich werde dabei zwar auch nicht klüger, aber ich mache es nicht zum Zeitvertreib, sondern weil ich zu einem Rallyewagen laufe, der sich beim Sprung über eine Kuppe verschätzt hat und geradeaus durch die Kurve in eben jenes Feldes gesegelt ist, auf dem wahrscheinlich Mais wächst. Der Wagen sieht ziemlich demoliert aus, Fahrer und Co-Pilot sitzen in ihren bunten Overalls daneben auf dem Erdboden. Der Fahrer schreibt gerade SMS. Vielleicht postet er auch auf seinem Facebook-Profil, dass er eben in Führung liegend leider 😦 ausgeschieden ist. Außer dem Röhren des nächsten Rennwagens ist nur das saftige Klatschen der kleinen Pflanzen an meinen Hosenbeinen zu hören, sie durchnässen den Jeansstoff und hinterlassen rötlichbraune Dreckspuren darauf. Es riecht nach Regen. In kleinen grünen Wellen wogt die Landschaft im Wind. Ich hätte Lust noch ewig so weiter zu laufen, irgendwann in einer kleinen hässlichen Dorfpension anzukommen, die „Weißes Ross“ oder „Goldener Löwe“ oder so heißt und einen Sauerbraten zu essen, Bier zu trinken und dann vielleicht bei offenem Fenster die Nacht in mein Zimmer drängen zu hören, während der Kleiderschrank nach Motten riecht und die Wirtin sich fragt, warum ich kein Gepäck habe außer einem Schreibblock und einer Kamera.

Ich müsste ihr antworten, dass ich Reporter bin und für die Zeitung über die Rallye schreibe und deshalb eben gerade durch ein Feld laufe, um zwei Rallye-Piloten zu fragen, warum sie es verkackt haben und wie sie sich jetzt fühlen. Mit den wahnsinnig originellen O-Tönen im Block fahre ich zurück ins Pressezentrum des Rallye-Veranstalters, besorge mir die Ergebnisse und wärme mich mit einem Kaffee auf. Fünf Fotografen sitzen hinter mir und schreien sich gegenseitig ihre Abenteuer zu. Ich wechsel in ein Pub über und schreib meinen Artikel runter. Als ich fertig bin, bin ich bereits in erhöhter Bierlaune. Zeit für einen Ortswechsel. Auf meinem Heimweg liegt eine kleine Diskothek, ich war schon ewig nicht mehr da, denn es ist eigentlich ein scheiß Laden. Aber ich habe Lust noch was zu trinken und Diskotheken haben den Vorteil, dass man die unvermeidlichen besoffenen Monologeten besser los wird als in einer Kneipe. Ich meine die Typen, die allein an der Bar sitzen und dich solang anglotzen bis du irgendwann hinschaust. Und dann ist man fällig. Sie hören einfach nicht auf zu reden. Scheißegal, ob man sich über sie lustig macht oder versucht dem Gespräch ein Tränchen Würde unterzumischen, in dem man versucht über irgendein bestimmtes Thema zu reden, und wenn es nur Fußball oder Deep Purple ist. Es ist auch egal ob man etwas sagt oder ob man gar nichts sagt. Der andere hört einfach nicht auf, seine Götterdämmerung in Schwällen wirrer Thesen über dich herabrieseln zu lassen wie Asbeststaub.

Einmal kam ein Ukrainer auf mich zu, ein Koloss, er sah aus als könnte er einhändig Traktoren stemmen oder mit bloßen Armen ganze Kartoffeläcker pflügen. Er trug eine Sporttasche über der Schulter, die sich an ihm so winzig ausnahm wie die Handtasche einer Kolibridame. Er setzte sich neben mich und sagte: „Weißt du, mir geht es gerade scheiße. Meine Frau hat mich rausgeschmissen und ich habe mich mit meiner Mutter gestritten. Ich will mich einfach ein bisschen unterhalten“. Das ist völlig in Ordnung. Ich hör gern zu. Es wurde noch ein lustiger Abend, er hat mir erzählt wie sie früher in der Ukraine den ganzen Tag um Zigaretten gewürfelt haben und dass er dabei immer gewonnen hat. Aber das ist leider die Ausnahme. Die meisten Typen brabbeln einfach wirres Zeug vor sich hin. Und am liebsten gucken sie sich mich als Gesprächsopfer aus. Aber wie gesagt, in einer Diskothek sagt man dann einfach: „Ich muss mal pissen“ und kommt nicht wieder. Also tausche ich die feuchte Kurzjacke gegen ein Jackett, das noch auf der Rücksitzbank meines Autos lag und gehe in den Club. Der Türsteher sieht mir mit hochgezogenen Augenbrauen dabei zu, wie ich die schwere Türe aufziehe. An der Garderobe steht eine junge Brünette mit pinkfarbenen Strähnen. Sie verkauft mir eine Eintrittskarte. Ich stecke mein Wechselgeld ein und will reingehen als sie mir hinterherpiepst: „Äh, und deine Jacke?“

„Was ist denn mit meiner Jacke?“

„Die musst du eigentlich abgeben.“

„Das ist ein Jackett und ich würde es ganz gern anbehalten“, sage ich und gehe rein. Sie blickt hilfesuchend zum Türsteher, der aber gerade mit seiner Gürteltasche beschäftigt ist. Er schaufelt mit seinen Wurstfingern sein I-Phone in die Tasche, was ein bisschen so aussieht als würde er sich gerade am Sack kratzen. Die Hingabe, mit der er in dem Bodybuilder-Handtäschchen rumkramt, deutet darauf hin, dass er sich wirklich dabei an der Nudel spielt. Ich verschwinde also schnell im kleineren der beiden Räume und bestelle an der Bar einen Whiskey-Soda. Die Bedienung greift zu einem Glas, befüllt es mit geübten Bewegungen mit Eis und Whiskey und fängt dann an, etwas ratlos durch die Glastüren der Kühlschränke die Flaschen abzuscannen. „Ich hab gar kein Soda“, sagt sie. Ich zeige auf die Wasserflasche vor ihr und sage: „Soda ist Mineralwasser“. Sie guckt etwas säuerlich, ein bisschen so als hätte sie gerade gemerkt, dass am anderen Ende der Bar ein Mädchen steht, dass das gleiche H&M-Oberteil trägt. Dann macht sie das Glas randvoll mit Wasser. Ich nehme mir vor, ihr erst beim nächsten Mal zu sagen, dass ein kleineres Glas und die Hälfte Wasser es auch getan hätten und bitte sie um eine Scheibe Zitrone. „Hab ich nicht“, sagt sie. Eine harmlose Antwort, die schon sehr bald unangenehme Folgen haben soll für mich.

Ich stelle mich mit meiner Whiskey-Schorle an der anderen Bar an, um den Barkeeper um eine Scheibe Zitrone zu bitten. „Wieso?“, sagt er.

„Weil in einen Whiskey-Soda eine Scheibe Zitrone gehört und deine Kollegin an der anderen Bar keine hatte.“

„Soda ham wir doch gar nicht“

„Doch habt ihr, sonst würde ich ja jetzt keinen Whiskey-Soda in der Hand halten. Soda ist einfach nur Mineralwasser“

„Aha“

„Also könnte ich eine Scheibe Zitrone haben?“

„Nee, die sind abgezählt“

„Soll das ein Scherz sein? Sind die Zitronen hier so teuer oder was? Importiert ihr die selber aus Sizilien. Oder soll ich für die Scheibe extra bezahlen?“

„Du bist wohl ein ganz Kluger, was? Mach hier mal keinen Aufstand, andere Leute wollen auch noch was bestellen.“

Während der Barkeeper mit verschränkten Armen, auf denen in Frakturschrift „La vida loca“ tätowiert ist, genervt den Raum nach anderen Leuten absucht, die auch etwas bestellen wollen, fragt ihn jemand, der ziemlich dicht hinter mir stehen muss: „Gibts hier ein Problem?“

Der Barkeeper deutet mit einem Augenrollen auf mich.

„Nein, hier gibt’s kein Problem. Ich wollte bloß eine Scheibe Zitrone haben, weil es an der anderen Bar keine gibt. Ich wusste ja nicht, dass die Zitronen bei euch so rar sind.“

„Warum hast du eigentlich noch deine Jacke an?“

„Also, das kann doch nicht euer ernst sein. Was ist denn verdammt nochmal verkehrt mit meiner Jacke?“

„Wir haben ein generelles Jackenverbot. Das gilt auch für dich.“

„Das ist ein Jackett. Keine Bomberjacke, kein Mantel. Das musste ich noch nie irgendwo ausziehen, die Regelung habt ihr exklusiv, das ist doch Schwachsinn“

„Gibts hier ein Problem?“ Ein zweiter Türsteher, der mit der Sacktasche, hat die bevorstehende Eskalation der Situation antizipiert und steht dicht hinter mir. Der erste Türsteher deutet mit einem Augenrollen auf mich und verschränkt die Arme. Er hat schwarze Lederhandschuhe an.

„Oh Gott, ja, es gibt ein Problem. Riesenproblem sogar. Es gibt keine Zitrone und ich will mein Jackett nicht ausziehen.“

„Wie viel haben wir denn schon getrunken? Wie siehst du denn überhaupt aus?“ Der Sacktaschenmann deutet auf meine Hose, die bis zum Knie mit rötlichbrauner Erde besprenkelt ist. Die Stiefel sind auch angeschlammt.

„Willst du jetzt behaupten ich bin betrunken, oder was?“

„Ich denke, es ist besser, wenn du jetzt gehst“

„Was? Warum denn? Ich bin noch nicht mal zehn Minuten hier. Ich hab Eintritt bezahlt und ich hab für diesen beschissenen Whiskey-Soda bezahlt. Den trinke ich aus und dann gehe ich von ganz alleine. Ihr seid doch nicht ganz dicht“

Die Situation ist nicht mehr zu retten. Der Drink auch nicht. Die beiden ochsenköpfigen Türsteher mit den Fallschirmjäger-Frisuren packen mich am Arm und eskortieren mich nach draußen. Wo es

sehr ruhig ist. So ruhig, dass man die Grillen zirpen hören kann. Mit 27 also mein erster Rauswurf aus einer Disko. Ich bekomme Appetit auf Sauerbraten.

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