Briefe aus Pristina

Teil 5: Helden braucht das Land

Samstagabend in der Innenstadt von Pristina: auf die Wand des Kulturministeriums werden Dias projiziert, auf denen Dutzende demolierte Fahrzeuge der UN zu sehen sind. Wie erlegtes Großwild liegen sie auf der Seite. Dazwischen immer wieder Graffiti wie „EULEX Made in Serbia“ und Plakate, auf denen die Konterfeis der europäischen Spitzenbeamten im Land mit dicken roten Balken und der Aufforderung zu gehen gekreuzt sind.
Die Großwildjäger gehören der Organisation Vetevendosje (deutsch: Selbstbestimmung) an. Sie werfen den europäischen Beamten Verwicklungen in Korruption, Bevormundung der kosovarischen Behörden und sogar Menschenhandel vor. „Unsere Regierung ist nur eine Marionette. Sie unterschreibt alles, was die EULEX ihnen vorlegt. Die EU verhandelt gegen unseren Willen mit Serbien!“, erzählt uns Arbor von Vetevendosje. Schon bald hat sich eine Traube um uns gebildet und leidenschaftlich argumentieren die Jugendlichen für ihre Sache. Schließlich müssen wir versprechen, am kommenden Montag zu ihrer Demonstration zu kommen. „Das letzte Mal hatten wir 50 000 Leute auf der Straße!“, erzählen sie stolz. Damals kam es auch zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, zwei Demonstranten starben, nachdem sie von Hartgummigeschossen der UN-Polizei getroffen worden sind. Die Bewegung hat nach eigenen Angaben etwa 1000 Mitglieder, wird aber von Zehntausenden Spendern, viele von ihnen Kosovaren, die im Ausland leben, unterstützt. Ihr Anführer ist Albin Kurti, der enge Kontakte zu der Veteranen-Organisation der UCK unterhält, jener „Befreiungsarmee“, deren terroristische Aktivitäten heute einfach wegideologisiert werden. Man braucht Helden. Wenn vereinzelt Sprengkörper auf UN-Gebäude fliegen, dann wird das radikal-nationalistische Gesicht der Bewegung schon deutlicher.
Ein paar Tage nach der Demo ist die Stimmung im Büro der Bewegung etwas gedämpfter. Diesmal waren nur etwa 1000 Menschen gekommen. „Unsere Arbeit wird sabotiert“, ist eine Erklärung. „Verschiedene Nachrichtendienste beobachten uns, unsere Email-Konten und Handys sind oft tagelang gesperrt“, erzählt uns Arbor. Als wir nach unserem Treffen in ein Restaurant gehen, scheint uns tatsächlich jemand zu folgen. Vom Nachbartisch aus verfolgt er aufmerksam, wie wir unserem Freund Arvan vom Treffen berichten, ohne etwas zu bestellen…

Advertisements

3 Kommentare

  1. Alban · April 17, 2010

    Hallo Robert,

    ich studiere in Ulm und bin zufällig auf dein Blog durch port01 gekommen und muss sagen, dass dein Blog echt geil ist :]

    Ich würde mir gern wünschen wenn ich dürfte, dass du zu den Bildern auch was sagst. Ich würde gerne in den Sommerferien eine Orte besuchen. Vielleicht hast du ja einige Tipps.

    Bis dann und have fun :]
    Alban

    • gesellmann · April 17, 2010

      Hi Alban,

      danke für das Lob! Neben Prishtina solltest du auf jeden Fall mal nach Mitrovica und Prizren schauen. Auch Pec/Peja ist sehenswert, vor allem landschaftlich.
      Ein Tip sind auch die orthodoxen Klöster und wenn du mehr auf Natur stehst dann besuche auf jeden Fall die Grenzgegend zu Albanien, immer entlang der Drina.

      Viel Spaß!

  2. Alexandra Tölzer · Juni 26, 2010

    HI

    ich bin momentan für 6 Monate im Kosovo und habe eine Wohnung in Prishtina. Ich war bereits in allen größeren Städten.. Prizren, Mitrovica, Vushtrri, Ferizaj, Obiliq etc. ! Ich habe eigentlich in jeder Stadt etwas schönes entdeckt. Im Kosovo kann man auf jeden Fall gut leben- wenn man sich von den Widrigkeiten eben nicht die Butter vom Brot nehmen lässt… die Schlaglöcher in den Straßen- selbst den angeblich erneuerten sind gigantisch! Von der Umweltverschmutzung die hier heiter betrieben wird sollten wir auch lieber absehen.. waren doch viele Länder früher nicht besser ! Aber man sollte den Blick auf die tollen Sachen des Kosovo lenken: Bummeln in Prishtina, baden in Badovc oder Battlava (2 Stauseen in schönster Umgebung).. die ganzen Pishinas hier (Freibäder).. die guten Steinofenpizzas.. die Freundlichkeit der Bewohner (hören sie einen deutsch sprechen findet sich sicherlich jemand der sich freut mit einem die Sprache zu üben die viele von ihnen während des Kriegs gelernt haben). Ich kann jedem gerne behilflich sein, der Fragen zum Kosovo hat.. momentan bin ich allerdings nicht regelmäßig im Internet. Ich bin allerdings in Facebook(bitte dazuschreiben woher wir uns kennen oder woher ich bekannt bin sonst nehm ich keine Freundschaftsanfragen an..) vertreten und auch per Email zu erreichen. PS: Ich war begeistert von den „Briefen aus Pristina“ die ich bei unserer kleinen Stadtzeitung port.01 gelesen habe 🙂 Liebe Grüße

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s