Schweinebirke

Furzähnlich verströmt sich der würzige Duft der eben geöffneten Wurstdose (Hartwurst, französischer Weichkäse) in der kleinen Küche und vermengt sich mit dem dampfenden Strahl Kaffeegeruchs, der aus der kleinen Kanne auf dem Herd stürmt.
Draußen schüttelt der Rest von Orkan „Franz“ die Markisen an einem Balkon am gegenüberliegenden rechteckigen Wohnsystem durch, und die verschwindende Nacht illuminiert den Regen, der in dünnen hysterischen Fäden den kleinen Asphaltweg bepisst. Auf dem Wäscheplatz am Wegrand krümmt sich laublos eine Birke. Ein dürrer gescheckter Pfahl.
Es ist ziemlich zeitig und ich sitze mit meiner Freundin beim Frühstück. Sehr atmosphärisch.
Wenn ich allein bin in unserer Wohnung, verschiebt sich mein Tagesablauf um etwa sechs Stunden nach hinten. Ich stehe um Zwölf auf, versuche mir ein bis zwei Stunden die Zeit mit irgendetwas zu vertreiben, das einen gewissen Grad an Appetit erwecken könnte, um nicht das Gefühl zu haben, rein maschinell zu zerkleinern, verdauen und auszuscheiden. Meistens nutze ich die Zeit, um bei geöffnetem Fenster am Schreibtisch zu sitzen, nachzulesen, was ich die Nacht zuvor erreicht habe und die Gerüche der Nachbarwohnungen an mir vorbeiziehen zu lassen. Ich bin ja für jede Inspiration offen. Die beneidenswerte Eigenart Punkt Zwölf das Essen auf den Tisch zu bringen, die der Großteil der emeritierten Hausgemeinschaft besitzt, trägt mir ein Potpourri hausmannsköstlicher Gerüche in die Wohnung. Rechts neben mir Bratkartoffeln, links neben mir gebratene Leber, unter mir wird ebenfalls Nahrhaftes in Fett gewendet, über mir wird nur geraucht zum Mittag; man ist scheinbar auf Diät. Nachdem der erste Ekel verflogen ist drohe ich meinem Magen mit etwas Mineralwasser. Er kommt schnell zur Besinnung. Die Prozedur des Frühstückens kommt in Gang, ist gegen zwei Uhr abgeschlossen. Ich defiliere aus dem Gebäude, transferiere mich in die Innenstadt und tue was ich tun muss. In diesem Fall ein Referat ausarbeiten. Um nicht die armselige Wurst zu sein, die vom Sicherheitsdienst geweckt wird, wenn die Bibliothek schließt, schleife ich den Körper, der sich lose um meine roten Augen herumdrapiert, nach Hause. Entkorke vorbereitete Alkoholika, begleitend zu meinem „Mittagessen“ gegen zehn Uhr. Und dann ereignet sich Nacht für Nacht dasselbe Dilemma: ich schaue fern und saufe. Das Fernsehen kotzt mich an, ich ertrage keine der Shows, Reportagen, Soaps, Pathologen, High- Tech- Detektive, Hobbyköche, Wohnungseinrichter, Auswanderer, und die ganze krude Sippschaft von Tänzern und Sängern, die sich ihrem ganz großen Traum entgegencasten. Also schalte ich auf der Suche nach irgendeinem Film meine achtundzwanzig Kanäle durch, wieder und wieder, bis ich besoffen genug bin, um mich mit mir allein zu beschäftigen. Damit meine ich natürlich lesen! Vor Vier Uhr morgens schlafe ich dann in der Regel nicht ein und wenn bei den Nachbarn wieder die Pfannen klappern, rolle ich diesen riesigen Stein wieder den Berg hinauf, lasse mir von einem Vogel in der Brust herum hacken und höre den Sirenen zu.
Wie viel schöner ist es doch, bereits am Frühstückstisch zu sitzen, im müden Schein einer kleinen Wandlampe, wenn die Sonne sich noch hinter dem gegenüberliegende Block versteckt. Morgenstund’ hat Gold im Mund! Alte Leute im Bademantel (oder weniger) verzieren kommunistische Küchenzeilen, und die Kakofonie der Morgenstunden rasselt durch die Häuserschluchten, inbrünstig gespielt von gereizten Kehlen, Rotzenden, erbärmlich Hustenden, die sich, ermutigt durch die erste Zigarette, des Schleimes der Nacht entledigen und über die Brüstung spucken.

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