Essen Gehen

Die Katzen fangen an, mir im Flur aufzulauern. Wenn ich die Tür aufmache, stehen sie da: schwanger und mit großen Augen grollmauzen sie heißer. Ich versuche ihnen auszuweichen, aber nach zwei Schritten Richtung Küche haben sie mich überholt; begierig wartend, drohend blockieren sie den Zugang. Ich wittere meine Chance, als sie am Küchenschrank, in dem ihre versüfften Näpfe stehen, kratzen und verschwinde im Bad. Oder besser: Nasszelle. „Es ist hier seit zwanzig Jahren immer nass gewesen sein“, der fette grüne Schwamm frisst meine Gedanken.
Ich stelle mich vor die Toilette. Winzige, blutunterlaufene Augen beobachten mich. Maria treibts mit Miguel. Aber er darf nie über Nacht bleiben. Sowas nennt man una storia. Bis auf drei Caffè und eine Flasche Rotwein habe ich noch nichts zu mir genommen. Ich sollte mal was Essen gehen. Ich öffne die Türe geräuschvoll und zünde mir im Rahmen eine Zigarette an. Nichts regt sich. Das Licht im Flur ist kaputt und der kleine helle Korridor, der von der Schreibtischlampe in der Küche erzeugt wird, zeigt keine Auffälligkeiten. Während ich losgehe schaue ich kurz nach links. Zwei helle Punkte leuchten auf und ich bekomme eine Kralle in die Wade gerissen. Scheiße, wer weiß was die Drecksbiester für Krankheiten haben! Die andere springt mich von vorne an, ich blocke sie mit dem Ellbogen und bekomme ihre Krallen am Hals ab. Flucht nach vorn, stolpere über einen Besen, schlage auf den klebrigen Dielen auf, mein Hut rollt zur Wohnungstür und die Katzen stürzen sich auf ihn, meine Kippe zischt auf meinem Handrücken. Meine Hand schießt nach rechts aus, um sich von dem stechenden Schmerz zu befreien, blitzschnell fällt ein schwarzer Vorhang von der Decke. Nacht, urplötzlich. Ich schlage mit dem Besen wild um mich, ein jaulender Widerstand schleicht in die Küche. Ich taste mich in mein Zimmer, nehme mir eine neue Flasche Wein und meine Jacke. Ich fühle Blut aus meiner Nase laufen. Zeit, sich mal ein bisschen umzuschauen.
Ich frage mich, ob man jetzt noch irgendwo Katzenfutter kaufen kann.
Ich steige die Treppen herauf zur Piazza IV Settembre, trinke dort meinen Wein und überlege wo ich Essen gehen soll. Ein Bangladeshi pfeift mich an. Könnte er kaum unauffälliger machen. Was er hat, ist ziemlich miese Qualität und ich pfeife meinerseits drauf. Er verflucht mich leise in unverständlichem Gezische und verzieht sich wieder auf seinen Posten. Ich sollte ihm sein Pott klauen, wenn er sich das nächste Mal so weit auf den Platz wagt, ich weiß, dass er es unter dem weißen Plastikeimer versteckt. Dann könnte er wieder Blumen verkaufen wie seine schwulen Brüder, die den ganzen Tag mit einem Bündchen reudiger Rosen die Bars ablaufen, oder bei schlechtem Wetter Autoscheiben putzen, mit Wasser aus der Gosse. Manchmal verschwindet einer von ihnen, und wenn man ihre Leichen findet, kennt sie absolut niemand.
Ich glaube, ich werde ins Loop gehen, es ist eine Bar auf meiner Strasse. Das Bier ist teuer, aber man kann dort günstig essen, trinken kann ich dann noch zu Hause.
Sie haben dort fast jeden Tag Konzerte, ausgerechnet heute ist ein abgenudeltes amerikanisches Folk-Duo da. Der Typ hat Schlaghosen und Cowboystiefel an. Er ist fett und tuffig und die meiste Zeit damit beschäftigt, seine 4 (!) Pedals zu malträtieren Das Mädchen singt und sieht richtig süß dabei aus. Als ich beginne, mich darauf einzulassen, reicht mir ein betrunkener Typ um die Fünfzig ein Flugblatt der kommunistischen Aktion. Sie behaupten, der Kommunist Medvedev wird die Wahlen in Russland gewinnen. Nicht gerade prophetisch. Aber dass die Bewegung auch in Italien siegen wird…na ja. Er beobachtet mich steif mit dem Oberkörper wankend während der ganzen Zeit, die ich vorgebe zu lesen. Ich hefte die Augen auf das Blatt, wohlwissend, dass er versuchen wird, mir seine verquaste politische Meinung ins Ohr zu pupsen. Ich überlege, ob es mir einen Vorteil verschafft, wenn ich ihm begreiflich mache, dass ich Ausländer bin. In dem Moment steigt der Compagno auf seinen Stuhl und deklamiert mit ausladender Gestik und überraschend lauter Stimme einen gereimten suffseligen Linksschwulst in die respektvoll weghörende Menge, scheinbar mit dem Thema Feminismus. Das Ende seines Ausbruchs wird abgenickt und das Texas-Duo beginnt mit dem nächsten Lied. Es handelt von einem Mädchen, dass von ihrem Freund verlassen wurde. Ich kaue auf dem letzten Bissen meines trockenen Panninis herum, spüle es mit Bier in den grollenden Schlund meines Versorgungskanals und mache mich auf den Heimweg.
Der Sicherungskasten im Flur leuchtet rot auf, aber der Schalter lässt sich nicht umlegen. Bene, wie romantisch. Wenn ich Kerzen hätte! Als ich die Wohnungstür öffne, saugt sich eine schleimige grüne Walze an der Flurwand entlang und klemmt sich wieder an der Duschkabine fest. Die anderen beiden Feinde scheinen genug zu haben für heute. Ich schmeiße meine letzten beiden Wiener Würstchen in Lucas Zimmer, und während ich Sie durch die Dunkelheit hinterherwetzen höre, ergattere ich im fahlen Schimmer meines Feuerzeuges die kühlungsbedürftigen Lebensmittel aus dem dafür vorgesehen Küchengerät, packe sie in eine Plastiktüte und hänge sie an das Eisengitter meines Fensters. Dort sollten sie auch noch die letzten 5 Tage meines, mit Mitteln der Europäischen Union geförderten, italienischen Februars verbringen.

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